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Revue der Illusionen
Wie ein ehemaliger Parteikader die ARD-Dokumentation zum Kommunismus sieht
von Günter Schabowski
Pressemitteilung vom 20.04.2006


Als "Geschichte einer Illusion" dokumentiert ein TV-Dreiteiler der ARD den Weg des Kommunismus von der Staatswerdung im frühen bis zum Fiasko im auslaufenden 20. Jahrhundert. Ist das nicht doch nur noch etwas fürs Ablagefach im "Dritten"?

Manchen mag beim ersten Hinschauen das Thema antiquiert und vermoost anmuten, wenn flimmernde Bilder aus Kurbelkameras und krächzende Tonkonserven den "Sieg der Revolution" auferstehen lassen. Gemeint ist der Putsch von 1917, der Lenin und die Bolschewiki an die Macht brachte. Und dann der Terminus "Illusion": Ist damit nicht nur unvollkommen beschrieben, was als Gedankenkonstrukt und Verführung im frühen 19. Jahrhundert provoziert war und sich seit dem frühen 20. Jahrhundert nicht als ein freiheitliches Arkadien, sondern als ein orwellscher Albtraum entpuppen sollte?
Gewiß, das alles ist längst Allgemeinplatz. Doch andererseits hallt durch die heutigen Lande Gejammer auf hohem Niveau. Der Sozialstaat ist erschöpft. Die Globalisierung durchlöchert nationale Solidarkonzepte zu Schweizer Käse. Die großen demokratischen Parteien schaffen es nur noch zum koalitionären Patt. Revolutionäre Illusionisten, umgetauft zur Linkspartei, sehen sich endlich politisch im Westen gelandet. Stasi-Fossilien, wichtige Klientel der Linkspartei, krakeelen ungeniert als Diskriminierte gegen ihre Opfer, verwandelten kürzlich die Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen in eine Art Rütli-Schulhof.

Ja, die Verhältnisse sind wieder einmal "illusionsschwanger". Deshalb ist es durchaus sinnvoll, in Erinnerung zu rufen, wie soziale und politische Illusionen zu Dogmatismus und Fanatismus entarten und in die Katastrophe führen. Ein Sendeplatz kurz vor Mitternacht verspricht indes kaum die Breite an Resonanz, die dem Thema zu wünschen wäre. Dabei sind die jeweils dreiviertelstündigen Filmfolgen eine fesselnde Geschichtsrevue in bewegten Bildern.

Die dreiteilige Serie will und kann keine Ideengeschichte des Kommunismus liefern. Sie ist auf das russische kommunistische Experiment zentriert, das die politische Physiognomie des 20. Jahrhunderts geprägt hat wie nichts anderes. Der erste Teil belegt, wie Lenin unmittelbar nach dem Roten Oktober von 1917 schon die diktatorisch-terroristischen Grundpflöcke einschlug, auf denen der Sowjetstaat wuchs. Sein Nachfolger Stalin inszeniert blutige Machtkämpfe. Für den Beschwörer der Weltrevolution Trotzki endeten sie im Exil mit der Liquidierung durch einen Eispickel, für andere Rivalen mit Genickschuß. Stalin hatte nun freie Bahn für seine Pläne, das rückständige Rußland mit kommunistischer Modernität zu überziehen und zugleich die KP-Filialen zu reglementieren, die keine Revolution in ihrem Land anzuzetteln vermochten.
Die Autoren müssen im Geschwindschritt Geschichte durchmessen, um in jeweils 45 Minuten eine Epoche mit vielen Facetten abzuarbeiten. Zoom und Weitwinkel wechseln unablässig bei einem filmischen Politpanorama dieses Ausmaß. Das ist faszinierend, wirft aber auch manche Frage auf.
Im zweiten Teil der Serie äußert der US-amerikanische Professor und Sohn des Stalinnachfolgers Sergej Chruschtschow z. B., daß Stalin wie alle russischen Reformer - er spielt nicht etwa auf Gorbatschow an, sondern auf Iwan den Schrecklichen und Peter den Großen - Tyrannen waren. Die "reformerische" Leistung sind für den freundlichen Russen aus den USA die Kollektivierung der Landwirtschaft, bei der Stalin Bauern ausrotten ließ, wie die rigorose Entwicklung der Schwerindustrie, die ohne die Sklavenheere des GULAG nicht möglich gewesen wäre.
Der Bogen wird gespannt zu jener Phase der Sowjetgeschichte, in der Stalin vom Paktgenossen Hitlers zum Partner der Alliierten und Sieger im Großen Vaterländischen Krieg avanciert.
Erfaßt werden auch der Aufstieg des kommunistischen Chinas und Mao Tse-tungs, der Konflikt zwischen den roten Riesenreichen.
Nach Stalins Ableben entscheidet der unterschätzte Chruschtschow die Rivalität im Machtzentrum des Kreml für sich. Dem Henker Berija widerfährt das Schicksal seiner unzähligen Opfer. Mit Chruschtschows Inthronisation setzt sich auch der Satrapen-Status von Ulbricht fort, der im Gefolge des Volksaufstandes vom 17. Juni 1953 kurzzeitig entmachtet worden war. Auf einem Parteitag in Moskau rechnet Nikita vor den erstarrten Delegierten mit den Verbrechen Stalins ab, nicht ohne die Spekulation, sich damit selbst von jahrelanger Mittäterschaft an der Barbarei zu entlasten. Gewohnte kommunistische Phantasterei bestimmt den Kurs des neuen Machthabers: Den Kapitalismus will er überholen, ohne ihn einzuholen.

Teil 3 unter dem Motto "Zerfall der Macht" umreißt zunächst die Ära Breschnews. Dessen sich schon länger abzeichnender physischer Verfall wie das schnelle Siechtum und Ende der letzten nachstalinschen Oligarchen Tschernenkow und Andropow hinterlassen überraschenderweise kein Vakuum. Ihnen folgt der Machtantritt eines lange unbeachtet gebliebenen Provinzfunktionärs, den der Zufall in die rote Zentrale gespült hatte: Gorbatschow. Eine kurze Phase der Hoffnung bricht an - nicht nur in der Sowjetunion. Die Menschheit erwartet das Ende der existienziellen Bedrohung durch die Nuklear-Potentiale beider Blöcke. Die Hoffnung sollte sich erfüllen. Zeitweilig hat sie die Auflösung der kommunistischen Macht verschleiert, den schließlichen Abtritt der Sowjetunion von der Weltbühne, als dessen ungewollter Vollstrecker sich der Reformer am Ende sah.

Es macht den Wert und den Reiz des Films mit aus, daß die Autoren, der zu früh verstorbene Peter Glotz und Regisseur Christian Weisenborn, ein beeindruckendes Aufgebot von Zeitzeugen - bis hin zu dem erstarrten Stalinisten und KGB-Chef Krutschkow - mitsprechen lassen. Nur einer fehlt in der Liste der zu Rate Gezogenen: Karl Marx. Und das scheint mir doch ein nennenswertes Manko des Films. Weil Marx lediglich als monumentaler Kopf im graphischen Vorspann des Films rotiert und seine Prophetie nicht in Beziehung gesetzt wird zum Untergang der roten Macht, haben sich die Autoren doch zu wesentlichen Teilen der Antwort auf die Frage entzogen, die sie selbst am Schluß ihres Dreiteilers stellen: Hat Kommunismus noch eine Zukunft?

Der Autor gilt als Maueröffner und war von 1984 bis 1989 Mitglied im SED-Politbüro der DDR. Der Film "Der Kommunismus - Geschichte einer Illusion", Teil 1 wird am 20.April in der ARD, 23.45 Uhr, Teile 2 und 3 am 27. April und 4. Mai gesendet.

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