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Vor 50 Jahren der 17. Juni
1953 stand Ost-Berlin vor einer Wirtschaftskrise. Das Regime reagierte mit sozialer Härte – und die Menschen liefen ihm davon
Von Lars-Broder Keil
Pressemitteilung vom 17.04.2003


Das Jahr 1953 hatte nicht gut für die DDR begonnen. Die Kollektivierung der Landwirtschaft hatte eine Fluchtbewegung der Bauern ausgelöst. Kleine und mittelständische Unternehmen gaben aufgrund zunehmender Repressalien auf, die Kosten für die nicht geplante militärische Aufrüstung mussten woanders eingespart werden. Während die SED mit wehenden Fahnen dem Sozialismus entgegen eilen wollte, blieb die Versorgung der eigenen Bevölkerung immer mehr auf der Strecke. Selbst in Vorzeigebetrieben. Im Eisenhütten-Kombinat in Eisenhüttenstadt, eigentlich mit „Sonderwaren“ besser versorgt als andere, fehlte es plötzlich an Zucker, Roggen, Kartoffeln. Nur noch Kinder und Diabetiker erhielten Frischgemüse. Butter gab es noch auf Marken, in den HO-Läden fehlte sie. Milch erhielt nur noch, wer am Werksessen teilnahm; für die anderen hatten die Milchkarten keine Gültigkeit mehr.

Der SED-Führung blieb der wachsende Unmut im Land nicht verborgen. Doch SED-Chef Walter Ulbricht winkte ab. Er hatte es schließlich als gesetzmäßig bezeichnet, dass angesichts kurzzeitig auftretender Versorgungsschwierigkeiten „kapitalistische Kräfte den Kampf gegen den Sozialismus verstärken werden“. Dabei wusste er es besser. Anfang 1953 hatten Experten des ZK der SED und des Ministerrates eine Analyse der dringendsten Problemfelder vorgelegt. Die Liste reichte von der Erfüllung der Reparationsleistungen an die Sowjetunion bis zur Befriedung der Bedürfnisse der Bevölkerung und zeigte deutlich, dass die Strukturmängel durch den von Moskau vorgegebenen neuen Kurs zum Aufbau des Sozialismus hervorgerufen worden waren. Gleichzeitig urteilten die Experten: „In der gegenwärtigen ökonomischen Lage der DDR kann die gleichzeitige Lösung dieser Probleme im vorgesehenen Umfang nicht gesichert werden.“

Die Hilferufe der SED an Moskau, durch Erlass von Reparationen und zusätzliche Warenlieferungen entlastend zu wirken, verhallten ungehört. Hilflos griffen Ulbricht und Ministerpräsident Otto Grotewohl deshalb auch auf Mittel zurück, die sie bislang immer als „Übel des Kapitalismus“ verdammt hatten: auf drastische Einschnitte im sozialen Bereich. Im März 1953 beschloss die DDR ein ganzes Paket weitreichender Steuer- und Preiserhöhungen. Am 5. März wurde die Einkommens- und Handwerkssteuer mit speziellen Verordnungen erhöht. Damit wurden besonders die privaten Unternehmer und Geschäftsleute zur Kasse gebeten. Am 17. März folgte die Aufhebung der bisherigen Fahrpreisermäßigungen, die zum 1. April in Kraft trat.

Am 19. März wurde die „Verordnung über die Herausnahme der freiwilligen Versicherungen aus der Sozialversicherung“ erlassen. Folge: Vor allem Selbständige blieben plötzlich von der allgemeinen Kranken- und Sozialversicherung ausgeschlossen. Sie mussten eine Neuversicherung abschließen – natürlich mit höheren Prämien. Schließlich schreckte die DDR-Spitze am 26. März nicht davor zurück, die Preise für Branntwein zu erhöhen. Besonders mit der Aufhebung der Fahrpreisermäßigungen und der Erhöhung der Schnapspreise waren zum ersten Mal nicht nur die, so Ulbricht, „kapitalistischen Elemente“ betroffen, sondern breite Bevölkerungsschichten. Denn die Fahrpreisänderungen beinhalteten auch die 75-prozentige Ermäßigung für Arbeiterrückfahrkarten, die nun entfiel. Ein wirklich schmerzhafter Einschnitt. So war zum Beispiel für den Raum Halle/Leipzig/Bitterfeld die Trennung von Wohn- und Arbeitsplatz typisch. Viele Arbeiter hatten eine kleine Wirtschaft und fuhren daher in die Dörfer zurück. Außerdem war die DDR eine Baustelle. Es gab viele Arbeiter, die in der Woche auf Montage waren und nur am Wochenende zu ihren Familien konnten. Für all diese Gruppen drückte der Wegfall der Ermäßigung zusätzlich auf den nicht gerade üppigen Lohn.

Diese massiven Einschränkungen machten den „Anfang des Sozialismus“ in den Augen der Bevölkerung nicht gerade attraktiv. Wie sollte erst die Vollendung aussehen, begannen sich viele zu fragen – und zogen die Konsequenz: Allein im März verließen mehr als 58.000 Bürger die DDR – es sollte die höchste monatliche Flüchtlingsrate bis Juni 1953 werden.

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