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Vogelgrippe bei Eskildsen in Wermsdorf ausgebrochen
120 Tonnen Tierkörper bei 133 ° C und 3 bar Druck 20 Minuten lang behandelt
Pressemitteilung vom 06.04.2006


Das Friedrich-Loeffler-Institut (FLI) hat bestätigt, dass in einem Nutzgeflügelbetrieb in Wermsdorf (Muldentalkreis - südöstlich von Leipzig, Sachsen) die hochpathogene Form der Vogelgrippe (HPAI), Subtyp H5N1 (Geflügelpest) ausgebrochen ist. Es handelt sich um den größten Geflügelmastbetrieb in Sachsen von Lorenz Eskildsen. In dem Zuchtbestand wurden 8.000 Puten, 5.000 Gänse und 3.300 Hühner in voneinander getrennten Betriebsteilen gehalten. Der gesamte Bestand wurde vorigen Donnerstag getötet. 120 Tonnen Tierkörper sind bei 133 ° C und mit 3 bar Druck 20 Minuten lang behandelt und beseitigt worden. Der Muldentalkreis, der Kreis Torgau-Oschatz und der Kreis Döbeln wurde zu Sperrbezirken erklärt und eine 3 km bzw. 10 km Sperrzone ist eingerichtet. Jeglicher Lebendgeflügel- und Geflügelfleischverkehr ist untersagt. Der Putenschlachthof Mutzschen ist gesperrt, vorhandenes Fleisch wurde beschlagnahmt und eine Rückholaktion aus Märkten und Kühllagern eingeleitet. Auch 14.000 Stück Geflügel aus 90 Betrieben wurden vernichtet. Die EU verhängte eine regionale Sperre.

60 Ausnahmegenehmigungen für Auslaufhaltung, die der Freistaat erteilt hatte, wurden zurückgenommen. Nur noch Straußenhaltungen und zoologische Gärten sind von der Stallpflicht entbunden.

„Damit ist erstmals in Deutschland die Geflügelpest in einem Nutztierbestand ausgebrochen. Jetzt kommt es vor allem darauf an, die Ursache für den Ausbruch zu klären. Unsere Experten im Friedrich-Loeffler-Institut stehen hier unterstützend zur Verfügung. Wichtig ist jetzt vor allem, durch eine konsequente Umsetzung der im Tierseuchenrecht für den Ausbruchsfall vorgesehenen Maßnahmen eine weitere Ausbreitung des Virus zu verhindern“, erklärte Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer in Berlin. Mit der Nutzgeflügel-Geflügelpestschutzverordnung vom 15.03.2006 und der Geflügelpest-Verordnung stünden die nötigen Bekämpfungs-Instrumente zur Verfügung. Die Verordnungen sehen insbesondere die Sperre des Betriebes, die Tötung des Geflügels und anderer Vögel im Betrieb, die Einrichtung eines Sperrbezirks (mind. 3 km-Radius um den betroffenen Betrieb) und Beobachtungsgebiets (mind. 10 km-Radius um den betroffenen Betrieb) und eine Pufferzone (13 km-Radius um den betroffenen Betrieb) mit Bewegungsbeschränkungen u.a. für Geflügel/Vögel und deren Produkte vor. Die EU-Kommission hat in einer einstimmigen Entscheidung die Gebiete ausgewiesen, für die die Restriktionen gelten. Damit verbunden ist ein Signal an Nicht-EU-Länder, mögliche Handelsrestriktionen nur auf die betroffenen Gebiete zu beschränken. Die sächsische Sozialministerin Helma Orosz (CDU) hat das Krisenzentrum in das Sozialministerium einberufen.

Experten des FLI wollen nun analysieren, wie das Virus in den Bestand eingetragen worden ist. Außer Wildvögeln kommen auch Transporte, Stall-Streu oder Futter als Überträger in Frage.

Merkel bezeichnet Lage als ernst
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) bezeichnete die Lage als ernst. Die Ursache für den Ausbruch müsse schnellstmöglich aufgeklärt werden. Die Vorsitzende des Verbraucherausschusses des Bundestages Bärbel Höhn (Grüne) fordert eine umfassende Impfstrategie: Man könne das deutsche Geflügel nicht jahrelang einsperren.

Geflügelwirtschaft in Sachsen
In Sachsen werden rund sieben Prozent des deutschen Hühnerbestandes gehalten, darunter fast jede zehnte Legehenne. Der Freistaat besitzt zudem nach Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen den größten Gänsebestand unter den Bundesländern mit einem Anteil von zwölf Prozent am Gesamtbestand. Der Anteil beim sonstigen Geflügel beträgt zwei Prozent. Nach letzten vorliegenden Zahlen vom Mai 2005 wurden landesweit rund 7,76 Millionen Hühner sowie 277336 sonstiges Geflügel registriert. Der Hühnerbestand teilt sich in 3,42 Millionen Legehennen, 1,11 Millionen Jung- sowie 3,23 Millionen Masthühner. Daneben wurden 39300 Gänse, 14099 Enten und 223937 Puten gehalten. Von den über 7800 landwirtschaftlichen Betrieben in Sachsen besitzt jeder dritte eine oder mehrere Geflügelarten. Der überwiegende Teil der Tiere wird in großen Beständen gehalten. So vereinen die vier größten Geflügelmäster mit 3,2 Millionen Tieren 99,5 Prozent des Gesamtbestandes auf sich.

Schnell ein Milliardenschaden
Die deutsche Geflügelwirtschaft beziffert den Verlust bis jetzt schon auf 150 Millionen Euro, sagte der ZDG-Sprecher Thomas Janning. Welchen volkswirtschaftlichen Schaden die Seuche anrichten kann, zeigt sich in den Niederlanden. Dort wurden 30 Millionen Hühner getötet, als 2003 die Vogelgrippe grassierte. Der Schaden summierte sich mit Folgekosten auf 500 Millionen bis eine Milliarde Euro, erklärte der Sprecher des niedersächsischen Landwirtschaftsministeriums, Gert Hahne. Auch in Niedersachsen, dem Zentrum der deutschen Geflügelproduktion, könnte Hahne zufolge "schnell ein Milliardenschaden entstehen", wenn es nicht gelingt, das H5N1-Virus von den Geflügelstellen fernzuhalten.

Geflügelpest, „Vogelgrippe“
Hinweisblatt des SMS Dresden zum Vorgehen beim Auffinden von erkranktem oder verendetem Geflügel

1. Fundort der Polizei, der Feuerwehr, der Gemeinde, dem Landkreis oder der zuständigen Veterinärbehörde mitteilen

2. Bürger sollten kranke oder verendete Wildvögel aus hygienischen Gründen nicht anfassen

3. Die Einsatzkräfte der Feuerwehr sollten kranke oder Wildvögel dem zuständigen Lebensmittelüberwachungs- und Veterinäramt (LÜVA) melden (Wichtig sind Art des Geflügels und der genaue Fundort)

4. Erfolgt ein Einsammeln durch Einsatzkräfte der Feuerwehr, ist folgendermaßen vorzugehen:
- wird eine Berührung der Tiere notwendig, sind Einweghandschuhe zu tragen

- die einzusammelnden Tiere sind in luft- und flüssigkeitsundurchlässigen Säcken oder Behältern zu verpacken

- Verständigung des LÜVA zur Abholung der verpackten Tiere

- benutzte Handschuhe sind zu vernichten und die Hände mit Seife zu waschen

5. Veranlassung der Einsendung der Tiere an die Landesuntersuchungsanstalt für das Gesundheits- und Veterinärwesen Sachsen

Pressestimmen zur Vogelgrippe
Rheinische Post:
Nichts scheint die Vogelgrippe aufhalten zu können. Keine zwei Monate ist es her, dass in Deutschland erstmals Schwäne gefunden wurden, die am H5N1-Virus verendet waren. Und jetzt, trotz aller Vorsichtsmaßnahmen, hat es das erste Massensterben im Putenstall gegeben.

Dass es so gekommen ist, wird nicht jeden überraschen aber viele doch erschrecken. Denn nun wird's unappetitlich. Schwäne mag man lieben. Puten kann man essen. Selbst gefühlte Ohnmacht macht Angst. Unwissenheit auch. Experten rätseln über den Weg des Virus. Sie streiten über die Gefahr für den Menschen durch eine Pandemie. Trotzdem: Aktuell gibt es einstweilen weiter keinen Grund zur Panik. Die Vogelgrippe ist nach wie vor eine reine Tierseuche. Sie wird nicht von Mensch zu Mensch übertragen. Und: Der Mensch kann sich durchaus vor ihr schützen vor allem durch Sorgfalt bei der Zubereitung von Speisen. Eine existenzielle Bedrohung besteht derzeit allenfalls für Geflügelzüchter, und auch die bloß aus streng wirtschaftlicher Sicht. Für das Thema Vogelgrippe gilt der bewährte Grundsatz: Weder dramatisieren noch verharmlosen. Der schlimmste Fall muss nicht eintreten. Aber es kann kein Zweifel bestehen, dass alles zu tun ist,darauf vorbereitet zu sein: mit Medikamenten und der raschen Entwicklung von Impfstoffen.

LVZ: Leipziger Volkszeitung:
Es sei gelungen, den oft befürchteten Übertritt des Virus auf die Nutztiere in Deutschland zu vermeiden, freute sich Bundesagrarminister Horst Seehofer vor einer Woche. Zu früh. Leider.
Jetzt ist das Befürchtete eingetreten. Angst und Sorgen breiten sich aus, nicht nur in Sachsen, wo der betroffene große Wermsdorfer Geflügelzuchtbetrieb den ganzen Bestand keulen muss.
Sachsen braucht die Vogelgrippe ebenso wenig wie das Hochwasser. Das erfordert nun paralleles Katastrophenmanagement an zwei Fronten. Im Fall der Vogelseuche haben die sächsischen Behörden schnell reagiert und schon vorgestern Abend, allein beim Verdacht, Sicherheitsmaßnahmen getroffen. Gestern, als die Bestätigung kam, lief sofort das volle Programm: mit der unvermeidlichen Massentötung, der Einrichtung eines Sperrbezirks und einer Beobachtungszone. Jetzt kommt es darauf an, den Infektionsweg herauszufinden, um weitere Fälle zu verhindern. Sollte sich die teilweise Aufhebung der Stallpflicht und der dadurch mögliche Kontakt zu Wildvögeln als Ursache erweisen, wäre das eine folgenschwere Lockerung gewesen. H5N1, dieser sperrige Begriff für das Vogelgrippevirus, drängt sich immer mehr ins Bewusstsein - mit all den wirtschaftlichen und gesundheitlichen Folgen. Schon jetzt klagt die deutsche Geflügelbranche über gewaltige Umsatzeinbußen wegen sinkender Nachfrage. Die Infektion auf dem sächsischen Geflügelhof dürfte diesen Zustand noch verschärfen und auch das bevorstehende Ostergeschäft in Mitleidenschaft ziehen.
Dabei besteht zum Verzicht kein Grund, weil Verbraucherschützer versichern, dass H5N1 weder hart gekochte Eier noch durchgebratene Putensteaks überlebt. Panik ist jetzt genauso fehl am Platz wie Sorglosigkeit. Bei aller Erleichterung über die raschen Eindämmungsversuche in Sachsen oder das aufgelegte Bundes-Forschungs-Progamm zur Vogelgrippe darf nicht vergessen werden: H5N1 ist kein rein nationales Problem. Die Seuche gelangte über Wildvögel von Asien nach Afrika und Europa. In Afrika fehlen meist die Mittel für ein generalstabsmäßiges Bekämpfen der Infektion. Und H5N1 ist auch für den Menschen gefährlich. Weltweit wurde das Virus bei mehr als 180 Personen nachgewiesen, über 100 starben daran. Zum Glück gab es noch keine einzige Übertragung von Mensch zu Mensch - die Infektion erfolgte durch Kontakt mit infizierten Vögeln. Da aber nun in Deutschland auch Hausgeflügel erkrankt ist, erhöht sich die Gefahr. Ein Impfstoffprototyp für Menschen wird derzeit erst einmal getestet. Umso wichtiger ist es daher, national nicht nachzulassen bei der Bekämpfung der Vogelgrippe und international zu kooperieren. In der EU sollten einheitliche Überwachungs- und Sicherheitsmaßnahmen Standard sein. Aber immerhin: Die Versicherungsbranche hat schon einmal ausrechnen lassen, dass sie eine mögliche Vogelgrippe-Pandemie beim Menschen finanziell überleben könnte. 400 000 Tote in Europa und weitere 209 000 in den USA, Ansprüche von insgesamt etwa 44 Milliarden Euro. Das wäre zu schultern - ist aber nur ein zynischer Trost.

Stuttgarter Nachrichten:
Was hat sich geändert? Die Situation ist seit Mittwoch ernster geworden, aber nicht gefährlicher - schon gar nicht für Menschen. Man kann es nicht oft genug sagen: Die Vogelgrippe ist eine Tierseuche. Seit rund 100 Jahren tritt die Krankheit in Europa auf, bisher konnte sie stets eingedämmt werden. Deshalb sind Spekulationen von Wissenschaftlern über eine mögliche weltweite Epidemie, die durch eine Übertragung eines mutierten Erregers auf Menschen ausbrechen könnte, nichts anderes als verantwortungslose Panikmache. Derartige Aussagen dokumentieren vor allem eins: die Ratlosigkeit der Forscher. Für eine wirkungsvolle Bekämpfung der Krankheit sind sie wenig hilfreich.

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