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Tanneberger: Deutscher Alleingang bei MKS-Impfung
Künast: Kein Bundesland hat Impfantrag gestellt
Pressemitteilung vom 05.04.2001


Dresden. VDL-Präsident Dieter Tanneberger hat seine Forderung nach umgehender MKS-Vakzinierung der Rinder- und Schweinebestände in Deutschland erneuert. Tanneberger forderte notfalls einen deutschen Alleingang, um die EU zu Rechtsmitteln gegen Deutschland zu zwingen. Dann werde die ganze Unfähigkeit der EU-Kommission bei der Bewältigung der MKS-Bedrohung gerichtlich offenbar werden. Tanneberger sieht im Falle des Übergreifens auf Deutschland katastrophale Verhältnisse für Bauern und Gesellschaft hereinbrechen. Bei Bundesverbraucherministerin Renate Künast stößt diese Forderung auf Widerstand, da vorbeugendes Impfen nach EU-Recht verboten ist. Diese Haltung hätten sowohl die EU-Kommission als auch nahezu alle Mitgliedsstaaten im Agrarrat am 19. März erneut unterstrichen. Sie wies daraufhin, dass der seit dem ersten MKS-Fall in Großbritannien von Deutschland vertretene Notfallplan, bei Ausbruch der Seuche ggf. auch Notfallimpfungen durchzuführen, jetzt auch von den Niederlanden und Großbritannien umgesetzt werde. Künast wies darauf hin, dass es in der Impf-Frage keinen Beschluss der Bundesregierung gebe, sondern eine Entscheidung des nationalen Krisenstabes, der ausdrücklich von der Agrarministerkonferenz des Bundes und der Länder in Cottbus bestätigt worden sei. Es sei also gemeinsame Bund-Länder-Position, in einem dreistufigen Verfahren vorzugehen und nur unter bestimmten Bedingungen Notimpfungen durchzuführen. Eine solche Entscheidung für eine Notimpfung könne nur im betroffenen Landesministerium im Benehmen mit dem Bundesministerium getroffen werden. Bisher liege aber in Berlin kein einziger Antrag auf Durchführung von Notimpfungen vor.

Grünenzwist: Künast und Höhn werfen sich Versagen vor
Die Furcht vor dem Ausbruch der Maul- und Klauenseuche droht zur Hysterie zu werden. In der Region um das mittelhessische Gießen herrschte vorige Woche quasi der Ausnahmezustand, nachdem innerhalb kurzer Zeit mehrere MKS-Verdachtsfälle gemeldet worden waren. Die Behörden hatten das betroffene Gebiet weiträumig abgeriegelt. Um in den Sperrbezirk zu gelangen, mussten die Menschen Desinfektionsschleusen durchqueren. Es bildeten sich kilometerlange Staus. Das öffentliche Leben war weit gehend lahm gelegt. Nach 20 Stunden akuten Seuchenalarms gaben die Behörden dann vorläufige Entwarnung. Gewebeproben der betroffenen Schafe fielen zunächst negativ aus. Die Verdachtsfälle haben nicht nur die Nerven der betroffenen Menschen in den vermeintlichen Krisengebieten vor Ort aufs Äußerste strapaziert, sondern offenbar auch die verantwortlichen Politiker. Bundesverbraucherministerin Renate Künast brach einen Streit mit ihrer grünen Amtskollegin aus Nordrhein-Westfalen, Bärbel Höhn, vom Zaun. Mehrmals täglich wiederholte Äußerungen, dass die Seuche näher rücke, trügen zur „Panikmache“ bei.
Künast warf Höhn schwere Versäumnisse bei der Seuchenbekämpfung vor. Sie warnte, die Debatte um Impfungen gegen MKS dürfe nicht dazu führen, dass die Maßnahmen vor Ort vernachlässigt werden. „Dies ist nicht die Zeit für große Emotionen, die die Leute nur noch verwirrter machen.“ Höhn machte Künast ihrerseits für die nach ihrer Meinung verfehlte Impfpolitik in Deutschland verantwortlich. Das Festhalten der Bundesregierung am EU-weiten Impfverbot werde nach den jüngsten Verdachtsfällen zunehmend „absurder“. Ein Ausbrechen der MKS werde in Deutschland hohe Kosten verursachen.

Nicht jedes Bläschen am Maul bedeutet MKS
Bläschen an den Hufen und Schleimhäuten, Fieber, Appetitlosigkeit und starker Speichelfluss – die Symptome der Maul- und Klauenseuche sind inzwischen fast jedem Europäer geläufig. Jeder neue Verdachtsfall, sei es auf einem Hof in Münster oder wie zuletzt in Gießen, lässt das Schlimmste befürchten. Denn auch in Deutschland muss derzeit ständig mit dem Ausbruch der Seuche gerechnet werden. Die Angst geht um, obwohl die auslösenden Picornaviren Rinder, Schweine, Ziegen und Schafe aber nicht die Menschen befallen. Das Bild von tänzelnden Schweinen, die unter schmerzhaften Hautveränderungen leiden und kaum noch stehen können, löst das der wahnsinnigen Kühe als neue Horrorvision ab. Dabei bedeutet nicht jedes Bläschen am Maul eines Rindes den Beginn von MKS. „Auch an eine Infektion mit Herpesviren muss man bei Rindern und Schweinen immer denken“, betont Hanns Ludwig, Professor für Virologie im Fachbereich Veterinärmedizin an der Freien Universität Berlin, in der Tageszeitung Die Welt. Herpes-Krankheiten würden immer wieder unterschätzt. So können bei Kühen Herpesviren, die als IBR, BHV-1 und HBV-2 bezeichnet werden, ebenfalls Bläschen auslösen. „Allerdings treten diese nicht so flächenhaft auf wie die bei einer Infektion mit Picornaviren“, erklärt Ludwig. Zudem könne ein Tierarzt die Erkrankungen auch an den Begleitsymptomen unterscheiden. BHV-1 geht beispielsweise oft mit Bronchitis und Husten einher, IBR mit Augenentzündungen. Dass viele Tierärzte noch nie ein MKS-krankes Tier gesehen haben, erschwere zweifellos die Diagnose. Bei bläschengeplagten Schafen kommen nur wenig andere Möglichkeiten als MKS in Betracht: „Schaf-Pocken können im Mundbereich ähnliche Hautveränderungen hervorrufen“, so Ludwig. Und Schweine könnten unter Herpes, einer vesikulären Krankheit oder an der Aojeszky´schen Krankheit leiden. Oft mit MKS ähnlichen Beschwerden, aber ohne den typischen Speichelfluß.
„Natürlich muss man vorsichtig sein, wenn MKS möglich ist, und alles abklären“, weiß der erfahrene Berliner Virologe: Den Hof absperren, und eine Probe ins Speziallabor nach Tübingen schicken. „Leider wird die schnelle Analyse mittels Elektronenmikroskop im Vergleich zu den molekularbiologischen Tests vernachlässigt“, bedauert Ludwig. Innerhalb von ein bis zwei Stunden wüsste man dann, um welche Viren es sich handelt.

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