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40 Jahre Zwangskollektivierung
"Sozialistischer Frühling" zerstörte bäuerliche Betriebe
Politik hat sich noch nicht bei den Bauern entschuldigt
Pressemitteilung vom 13.04.2000

Dresden. Dieter Tanneberger, Präsident des Verbandes der privaten Landwirte und Grundeigentümer Sachsen (VDL) hat dieser Tage an die Zwangskollektivierung der freien Bauern in der DDR erinnert, die sich im April 2000 zum 40. Male jährt. Die Poli-tik habe sich bei den Bauern noch nicht entschuldigt. Er erinnerte an die Erklärung des Deutschen Bundestages vom April 1960, dass es der Westen "niemals hinnehmen werde, was in diesen Wochen den freien Bauern in der SBZ angetan wird." Davon sei 1990 dann keine Rede mehr gewesen. Die ostdeutschen Privatbauern fühlten bis in die heuti-gen Tage Bitterkeit über die mangelhafte Aufarbeitung der Zwangskollektivierung.

Unter der heuchlerischen Parole vom "Sozialistischen Frühling" zerschlug im April des Jahres 1960 die SED mit Unterstützung der Blockparteien CDU, DBD, NDPD und LDPD, sowie von FDJ- und VdgB-Funktionären, Bürgermeistern, Abschnittsbevollmächtigten der Volkspo-lizei (ABV), Stasi-Kommandos und SED-Trupps aus "Volkseigenen Betrieben" in terroristi-scher Weise die selbständigen Privatbauernhöfe in Ostdeutschland. Unter der Losung "Vom Ich zum Wir" kollektivierte die "Partei der Arbeiterklasse" und ihre Handlanger nach stalinis-tischem Beispiel den in Jahrhunderten gewachsenen freien Bauernstand von Rügen bis ins Erzgebirge, von der Oder/Neiße bis zum Thüringer Wald. "Getreu dem Kampfauftrag der 2. Parteikonferenz der SED 1952", nur kurzzeitig gestoppt durch den 17. Juni 1953, die Arbei-terunruhen in Polen und den Ungarnaufstand 1956, rollten im Frühjahr 1960 "Arbeiterkom-mandos" in die Dörfer Ostdeutschlands. Vorausgegangen war dem ein System der Diskrimi-nierung und des wirtschaftlichen Drucks auf die sogenannte "Großbauernschaft". Das waren Betriebe über 20 Hektar, deren Familien mit unerfüllbaren Ablieferungspflichten überzogen wurden, zu "Selbstversorgern" deklariert, keine Fleisch- und Zuckermarken erhielten, mit Hausschlacht- und Buttereiverboten belegt und durch Spitzel und Zuträger (jedes Dorf hatte seinen eigenen "Bauernschreck") überwacht, angezeigt und wegen "Wirtschaftssabotage" vielfach verhaftet, verurteilt und eingesperrt wurden. Viele Bauern flüchteten mit ihren Fami-lien über Nacht von Haus und Hof über das noch offene Berlin in den freien Westen. Andere, die die Heimat nicht verlassen wollten oder wegen ihrer greisen Eltern oder der Kleinkinder nicht konnten, bekamen Zwangspächter auf den Hof, wurden innerhalb von Stunden oft 50 km weit weg auf Viehwagen verladen und " des Kreises verwiesen". Von vielen Selbsttötun-gen aus Verzweiflung wurde berichtet. Die verlassenen Höfe wurden enteignet und in "Örtli-che Landwirtschaftsbetriebe" verstaatlicht.

Die Agrarproduktion in den seit 1952 so entstandenen LPGen der Typen I, II und III sank trotz großzügiger staatlicher Beihilfen in Form von Düngemitteln und Saatgut und den Aufbau von Maschinenausleihstationen (MAS, später MTS) dramatisch. Klassenfeinde, Agenten und Spi-one wurden dafür verantwortlich gemacht und Schauprozesse inszeniert. Erinnert sei an das Kartoffelkäfer-Syndrom. Der Klassenfeind aus dem Westen habe Kartoffelkäfer über die DDR abgeworfen. Ganze Schulklassen mussten in den Sommermonaten auf den LPG-Feldern nach den Schädlingen und ihren Larven suchen. Ernst Wollweber und Kurt Viehweg, die den Irrtum der Landwirtschaftspolitik des Zentralkomitees der SED erkannt hatten, wurden als parteifeindliche Gruppe "entlarvt" und aus der SED ausgestossen. Dagegen blühten Ende der 50iger Jahre die Höfe der noch privaten Klein- und Mittelbauern wirtschaftlich auf. Dies er-schien den SED-Gewaltigen als Bedrohung; als "Hort des Klassenfeindes". Die verqueckten und verdistelten LPG-Felder wurden zum abschreckenden Beispiel. Der nach dem Statut "freiwillige" LPG-Beitritt wurde nun mit drastischen Maßnahmen der SED und des DDR-Staates noch bis in die 70iger Jahre hinein erzwungen.

Runter mit Pferden und Maschine!
Ein Tatsachenbericht über die Zwangskollektivierung im Jahr 1968 im Kreis Hohenstein-Ernstthal
Von Dieter Tanneberger

Es ereignete sich am Montag, den 25.März 1968. Werner fährt früh 7.00 Uhr mit seinem Traktor auf das Feld, um Saatfeld für Hafer fertig zu machen. Mit Beckmann Pauls Pferden und unserer Sämaschine wird dann gesät. Als sie einen Teil der Flächen bestellt haben, pas-siert es. Nun gehen sie auf uns los: Uhlmann Erhard, stellvertretender Vorsitzender der LPG "Philipp Müller"; Sickert Erhard, Parteisekretär; Dumdei, Volkspolizist; Leipziger vom Landwirtschaftsrat sowie dessen Chauffeur Eberhard Schmid und Polizeihelfer Reinhold. Zwei Mann stellen sich vor die Pferde, zwei Mann vor die Räder der Sämaschine, zwei Mann an die Lenkung. Kurze Zeit darauf befährt ein Traktor der LPG "Philipp Müller" mit Säma-schine unser Feld. Der Fahrer war Oeser; Heinz und Köhler saßen auf der Sämaschine. Sie hatten Staats-Befehl auf unserem Feld zu säen und wagten sich auf unser in Arbeit befindli-ches Saatfeld, wobei die große LPG selbst noch keinen Hektar Saat im Boden hatte. Als der LPG-Traktor am Pferdegespann ist, rufen die 6 Männer uns zu: "Runter mit Pferden und Ma-schine!" Wir sagen: "Wir gehen nicht!" "Dann fahren wir euch eben übern Haufen! Ich bin Polizeihelfer, runter mit euch!" Sie hätten Befehl vom Major der VP: "Das Feld muss sofort geräumt werden!"

So mußte unser Gespann vom Feld. Nun sind wir, Werner, Helga und Bernd (damals 6 Jahre alt) zwischen Traktor und Sämaschine der LPG "Philipp Müller" getreten, damit sie nicht weiter auf unserem Feld säen konnten. Wir riefen: "Wenn ihr unser Gespann nicht säen laßt, dann lassen wir eure Maschine auch nicht säen auf unserem Grund und Boden." Nun haute der Parteisekretär ab, kam aber nach kurzer Zeit mit Polizei und LPG-Verstärkung wieder. Nun ging es erst richtig los: "Verlassen Sie jetzt freiwillig dieses Feld!" Werner rief: "Nein, ich verlasse dieses Feld nicht!. "Ich verlasse das Feld nicht!". "Na gut", sagte der Polizist Dumdei, "Sie verlassen das Feld nicht freiwillig, dann müssen wir Sie abführen und verhaf-ten. Machen Sie doch nicht so ein Aufsehen in der Stadt.". "Freiwillig bekommt ihr mich nicht von meinem Grund und Boden herunter", sagte Werner. Nun fuhren sie wieder weg nach Hohenstein-Ernstthal, außer der LPG-Vertreter. Der blieb bei den Pferden stehen. Wir warteten und warteten.

Es war bereits 16 Uhr, da kamen sie wieder an: Von der Betriebsparteiorganisation (BPO) Uhlmann und der Parteisekretär, sowie Garbe vom Landwirtschaftsrat, dazu Träber Reinhold. Von der Kriminalpolizei Berger und dessen Fahrer Eberhard Schmid. Nun ging es wieder los. Die Kriminalpolizei hat uns als "dumme Bauern" hingestellt. Die anderen sagten, wir leisteten passiven Widerstand. Der Leipziger sagte, wir benähmen uns wie in Polen.

Wir hatten unseren 6-Jährigen Sohn Bernd mit bei uns und standen zwischen den LPG-Maschinen. Sie riefen: "Tun Sie das Kind raus! Wenn der Traktor losfährt, dann wird das Kind eben überfahren!". "Er soll nur los fahren. Was wollen wir noch hier, wenn man uns das Feld wegnimmt, dann haben wir ja alles verloren. Dann brauchen wir auch nicht mehr zu le-ben." Bis dann Träber anfing und rief: "Raus mit der Frau!" Er packte mich wie ein Un-mensch und zerrte mich raus. Ich kam mir vor wie "Nackt unter Wölfen". Ich rief: "Was fällt Ihnen ein, sich an einer Frau zu vergreifen." Er solle sich schämen. Er hat mich so gezerrt, dass ich mich am nächsten Tag in ärztliche Behandlung begeben musste. Der Arzt, Dr. Rich-ter von der Poliklinik Hohenstein-Ernstthal, stellte eine starke Zerrung fest. Ich kann den Arm heute noch nicht richtig hoch heben und habe oft starke Schmerzen in der Schulter. Nun wur-de wieder Ruhe. Sie hatten es nur mit mir versucht. Dann kam noch Leipziger und der Chauf-feur und dann ging es wieder los. "Wollen Sie freiwillig gehen?" "Nein, wir gehen nicht frei-willig", sagte Werner. "Dann müssen wir Sie eben mit Gewalt vertreiben!" Die Menge ver-sammelte sich zur Beratung. Dann kamen sie auf uns zu und riefen: "Gehen sie jetzt!" Wir sagten wiederum Nein. Sie riefen: "Los gehts!" und kamen auf uns wie Wölfe und zerrten Werner vom Feld. Werner schrie: "Ich gehe nicht von meinem Feld!" Ich mußte sehen, wie ich mit meinem Sohn Bernd unter dem Getümmel der Männern heraus kam. Sie nahmen keine Rücksicht, weder auf Frau noch Kind. Am liebsten hätten sie uns ertrampelt. Dann riefen Sie: "Halt! Polizei!", zerrten uns in ihr Auto und nahmen uns mit nach Hohenstein-Ernstthal und sagten: "Nun, sehen Sie nicht ein, dass das richtig war, wie wir mit Ihnen gehandelt haben?".

So ist es uns, Werner, Helga und Bernd am 25.03.1968 ergangen.

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