• Anschrift:
    Bundesverband
    Deutscher Landwirte e.V.
    Dresdner Straße 46
    09526 Dittmansdorf
zurück

Zweierlei Kriegsende
Hubertus Knabe leitet die Gedenkstätte Hohenschönhausen. Er erinnert daran, daß für Millionen Deutsche der 8. Mai 1945 keine Befreiung brachte
Pressemitteilung vom 31.03.2005


Den Deutschen wird oft der Vorwurf gemacht, Weltanschauungen seien ihnen wichtiger als die Wirklichkeit. Vielleicht zu Recht, wie die Debatten über das Kriegsende vor 60 Jahren zeigen. Fixiert auf ein paar hundert Rechtsextremisten, die am Brandenburger Tor demonstrieren wollen, steht längst nicht mehr das tatsächliche Geschehen im Mittelpunkt. Statt dessen geben Politiker ein zunehmend ritualisiertes Glaubensbekenntnis ab: Der 8. Mai 1945 war ein Tag der Befreiung!

Die Realität sah freilich anders aus. Keiner der Alliierten hatte damals vor, die Deutschen zu befreien. Bis zuletzt hatten diese ihrem "Führer" gehorcht und verbissen für ihn gekämpft. 8,5 Millionen betrug allein die Zahl der NSDAP-Mitglieder. Abgesehen von der Minderheit der rassisch oder politisch Verfolgten, die den Sieg der Alliierten herbeisehnten, gab es wenige Deutsche, die man hätte befreien können.

In Wirklichkeit ging es darum, Deutschland militärisch zu besiegen. Es sollte zur bedingungslosen Kapitulation gezwungen und besetzt werden. Nicht damit sich die Deutschen eine bessere Führung wählen könnten, sondern um für die nächsten 50 Jahre auszuschließen, daß sie erneut einen Krieg beginnen. Nach der Direktive für die US-Militärregierung, die Präsident Truman am 10. Mai 1945 billigte, war Deutschland "nicht besetzt zum Zwecke seiner Befreiung, sondern als besiegter Feindstaat". Die Reichsregierung wurde aufgelöst, die Deutschen verloren jedes politische Selbstbestimmungsrecht. Die meisten waren sich dieser Lage sehr bewußt und haben die Niederlage deshalb auch nicht als Befreiung empfunden.

Zu Recht wird dem entgegengehalten: Der 8. Mai war zwar eine Kapitulation, aber er hat Freiheit und Demokratie gebracht. Insofern wurde es dann doch noch eine Befreiung, wenn auch gegen den Willen der Befreiten. Auch heute gibt es Situationen, wo Nationen zu ihrem Glück gezwungen werden müssen - wie in Afghanistan oder auf dem Balkan. Auch den Einmarsch im Irak haben die Amerikaner mit seiner Befreiung begründet.

Dabei wird leicht vergessen, daß die Demokratie nach 1945 nur im Westen Deutschlands einzog. Im Osten installierte Stalin eine kommunistische Diktatur, deren Existenz viele Westdeutsche schon vor der Wiedervereinigung gern verdrängten. Er half zwar entscheidend mit, das nationalsozialistische Terrorregime zu zerschlagen, doch kam er nicht als Befreier. Er war selber ein blutiger Tyrann, der Millionen Tote auf dem Gewissen hatte.

Während Briten und Franzosen Deutschland 1939 den Krieg erklärten, marschierte Stalin in Polen ein und schloß mit Hitler einen Freundschaftsvertrag. Und den Sieg der Alliierten im Frühjahr 1945 nutzte er nur dazu, halb Europa seiner eigenen Diktatur zu unterwerfen.

Die berechtigte Scham vieler Deutscher über die Verbrechen der Nazis hat dazu geführt, daß der unterschiedliche Verlauf des Kriegsendes in Ost und West aus den Augen geriet. Im Westen verteilten die Soldaten Schokolade. Im Osten vergewaltigten sie etwa zwei Millionen Frauen und erschossen willkürlich Zehntausende Zivilisten. Wie Lew Kopelew, Germanist und russischer Jude, beim Einmarsch in Ostpreußen erschüttert feststellte, benahmen sich die Rotarmisten selber wie "Faschisten". Wenig später kam er ins Gulag.

Hinter den kämpfenden Truppen kam Stalins Geheimpolizei. Über drei Millionen Kriegsgefangene und Zivilisten kamen in sowjetische Arbeitslager, wo ein Drittel von ihnen starb. Auf dem Gebiet der späteren DDR wurden weit über 100 000 Menschen verhaftet. Zehntausende verhungerten in den neuen sowjetischen Konzentrationslagern, die - wie Buchenwald oder Sachsenhausen - oft die alten waren. In dem von der Roten Armee eroberten Territorium kamen etwa 2,5 Millionen Deutsche durch Flucht, Vertreibung oder Verschleppung ums Leben.

Daran zu erinnern ist nicht der Versuch, aus Tätern Opfer zu machen. Unter dem stalinistischen Terror litten die von Deutschland überfallenen Staaten nicht minder. Aus der Ukraine wurden bis Oktober 1944 etwa 140 000 Menschen deportiert und 40 000 getötet, aus dem Baltikum fast eine halbe Million verschleppt, verhaftet oder umgebracht. In Polen wurde vor allem die Heimatarmee, die im Untergrund gegen die Deutschen gekämpft hatte, gnadenlos verfolgt. Nicht einmal die befreiten sowjetischen Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen blieben verschont. Als "Vaterlandsverräter" landeten Hunderttausende in Stalins Arbeitslagern.

Der sowjetische Terror bildete die Voraussetzung für die Durchsetzung kommunistischer Diktaturen. Die Hoffnungen auf einen demokratischen Neubeginn wurden bitter enttäuscht. Militärtribunale verurteilten auch in Deutschland Tausende Antifaschisten und Demokraten zu langen Haftstrafen oder zum Tode. Wie zum Hohn bezeichnete die SED diesen sowjetischen Diktaturexport als Befreiung und erklärte den 8. Mai sogar zum Staatsfeiertag.

Wenn in Deutschland trotzdem pauschal vom Tag der Befreiung gesprochen wird, dann offenbart sich darin vor allem eine Sehnsucht nach Entlastung: Wenn die Deutschen im Mai 1945 befreit wurden, waren sie keine Täter, sondern Opfer der Hitler-Diktatur. Mit diesem Bewußtsein lassen sich die Verbrechen der Nationalsozialisten besser ertragen. Die NPD spielt in diesem Umdeutungsprozeß die Rolle eines Katalysators. Indem man sich über sie empört, macht man sich selbst zu nachträglichen Widerstandskämpfern - und verschafft ihr dabei erst Popularität. Ausgerechnet den Rechtsradikalen fällt heute die Rolle zu, der SED-Propaganda in Deutschland zum Sieg zu verhelfen.

-Hubertus Knabes Buch "Tag der Befreiung? Das Kriegsende in Ostdeutschland" (Propyläen, 390 Seiten, 24 Euro), ab 29. März im Buchhandel

zurück