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Die ostdeutsche Agrarstruktur ist eine Fehlentwicklung
18.03.2010


Die deutsche Agrarpolitik ist offenbar fest entschlossen, die ab 1948 von den Regierenden der DDR nach dem Vorbild sowjetischer Kolchose in der Form Landwirtschaftlicher Produktionsgenossenschaften (LPG) erzwungene und nach der deutschen Wiedervereinigung 1990 mit Unterstützung namhafter Agrarwissenschaftler selbst unter in Kaufnahme gravierender Rechtsbrüche aufrechterhaltene ostdeutsche Agrarstruktur in ihrem Fortbestand zusätzlich abzusichern. Eine andere Erklärung lässt die Absicht, die noch im staatlichen Besitz befindlichen und infolge auslaufender Pachtverträge freiwerdende Fläche von insgesamt 400.000 Hektar bevorzugt, das heißt, das heißt ohne vorherige Ausschreibung, den LPG-Nachfolgebetrieben bis zu einer Fläche von 450 Hektar je Betrieb entweder zum Kauf oder für eine Laufzeit von 9 Jahren zur Pacht anzubieten, doch wohl nicht zu.

Statt also diese Flächen dafür zu nutzen, um endlich auch in Ostdeutschland den bisher dort vorherrschenden Großstrukturen eine mittelständisch strukturierte Landwirtschaft gegenüberzustellen und so zumindest einen ersten Anfang zu machen, um die besonderes ausgeprägte Subventionsabhängigkeit der ostdeutschen Landwirtschaft abzubauen, wird damit eine ökonomisch völlig verfehlte Betriebsstruktur weiter verfestigt. Dabei steht schon jetzt fest, dass an dem Tag, an dem die Agrarsubventionen einmal zur Diskussion gestellt werden, von all diesen Betrieben bestenfalls eine kleine Minderheit eine Überlebenschance besitzt. Das aber wiederum würde bedeuten, dass ein ganzer Wirtschaftsektor in dieser Region vom Zusammenbruch bedroht wäre.

Es ist schon bemerkenswert, dass gerade in den Agrarwissenschaften und hier vor allem in der landwirtschaftlichen Betriebslehre offenbar niemand bisher die enormen Risiken erkannt hat, die mit dieser strukturellen Fehlentwicklung verbunden sind. Ganz offensichtlich geblendet von den in der offiziellen Statistik ausgewiesenen Betriebsergebnissen glaubt zumindest die Mehrzahl der Agrarökonomen noch immer, dass die ostdeutschen Großbetriebe nicht nur besonders rentabel und wettbewerbsfähig seien, sondern dass sie deshalb auch als Vorbild für die zukünftige Entwicklung der gesamten deutschen Landwirtschaft angesehen werden müssten. – Es ist beim besten Willen nicht zu glauben aber wahr.

Es ist wirklich unbegreiflich, dass offenbar noch kein Agrarökonom – einen anderen Grund kann diese allgemein verbreitete Einschätzung doch wohl kaum haben – auf die Idee gekommen ist, bei der Analyse der Gewinn und Verlustrechnung landwirtschaftlicher Betriebe zwischen dem aus der eigentlichen Produktion erzielten Gewinn und dem Gewinn zu unterscheiden, den andere erwirtschaftet haben, und der ihnen nur als staatliche Subvention zufließt. Das Resultat einer derart erst wirklich exakten betriebswirtschaftlichen Analyse ist allerdings mehr als ernüchternd.

Unversehens stellt sich dabei nämlich heraus, dass es der überwiegenden Mehrheit dieser angeblich so rentablen und modernen Großbetriebe noch in keinem der letzten zwanzig Jahre gelungen ist, aus eigener Kraft wenigsten auch nur ein kleines positives Ergebnis zu erwirtschaften. Ohne Subventionen würde wahrscheinlich schon lange kaum noch einer dieser Betriebe existieren. Selbst in dem für die Landwirtschaft außergewöhnlich günstigen Wirtschaftsjahr 2007/2008 hätte der Durchschnitt der als juristische Personen deklarierten ostdeutschen Großbetriebe mit ihren im Mittel rund 1.238 Hektar ohne die über 496.000 Euro Subventionen einen Betriebsverlust von fast 294.000 Euro ausweisen müssen, wie die vom Bundeslandwirtschaftsministerium veröffentlichten Betriebsergebnisse belegen. Danach hätte die Gruppe der im Durchschnitt mit rund 2.763 Hektar größten Betriebe ohne die erhaltenen Subventionen von über 1,1 Millionen Euro sogar mit einem Verlust von mehr als 500.000 Euro abgeschlossen.

Selbst den mit ihren im Durchschnitte knapp 200 Hektar Nutzfläche vermeintlich besser strukturierten ostdeutschen Haupterwerbsbetrieben fällt es nach wie vor äußerst schwer aus eigener Kraft mit Gewinn zu wirtschaften. Für das Wirtschaftsjahr 2007/08 konnten sie nach Abzug der rund 74.000 Euro Subventionen zumindest einen durchschnittlichen Betriebsgewinn von 582 Euro erzielen. Schon im Wirtschaftsjahr 2008/09 dürfte daraus, wie zuvor 2006/07, wegen der wieder auf Normalniveau gesunkenen Getreidepreise wohl erneut ein Verlust geworden sein. Vorbildfunktion kommt der ostdeutschen Agrarstruktur nur zu, wenn es darum geht, sich ohne übermäßige Anstrengungen einen möglichst großen Teil an den vom Staat gewährten Subventionen zu sichern.

Es kann doch nicht das Ziel einer zukunftsorientierten Agrarpolitik sein, die nachweislich um ein Vielfaches leistungsfähigeren kleinen und mittleren landwirtschaftlichen Betriebe auch weiterhin durch ein für diese geradezu diskriminierendes Subventionssystem zur Aufgabe zu zwingen oder sie bezogen auf Ostdeutschland gar nicht erst entstehen zu lassen, um auf diese Weise Großstrukturen zu fördern, die wegen ihrer erwiesenen Leistungsschwäche auf Dauer überhaupt nur mit Hilfe massiver staatlicher Förderung am Leben erhalten werden können. Die bestehende ostdeutsche Agrarstruktur ist ohne jeden Zweifel eine Fehlentwicklung, die dringend der Korrektur bedarf. Sie bei der Privatisierung staatlicher Flächen noch zu begünstigen, ist sowohl betriebs- als auch volkswirtschaftlich nicht zu verantworten.

P.S.: Vielleicht eine interessante kleine Demonstration: Der schon erwähnte Durchschnittsbetrieb unter den juristischen Personen über 2000 Hektar bewirtschaftet eine Fläche von 2763 Hektar. Er erreichte 2007/ß08 ohne Subventionen Gesamteinnahmen von rund 6,4 Millionen Euro und musste nach Abzug der Subventionen einen Verlust von 508.000 Euro verbuchen. Auf derselben Fläche hätten 50 knapp 55 Hektar große westdeutsche Durchschnittsbetriebe Platz. Obwohl diese Betriebe keineswegs schon optimal wirtschaften, hätten sie 2007/08 auf dieser Fläche zusammen statt 6,4 Millionen Euro Einnahmen in Höhe von rund 12 Millionen Euro erzielt. Ihr Ergebnis wäre ohne Subventionen ein Gewinn von fast 1,8 Millionen Euro gewesen (Ke.)

Dr. Klaus Kemper

Zum Autor: Dr. Klaus Kemper war nach dem Studium der Landwirtschaft in Halle an der Saale, Bonn und Gießen zunächst als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Agrarpolitik der Justus-Liebig-Universität Gießen und danach als Pressereferent der Landwirtschaftskammer Weser-Ems in Oldenburg tätig. Nach Abschluss der Promotion wechselte er schließlich in den Wirtschaftsjournalismus und war von 1976 bis 2000 Wirtschaftskorrespondent der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Unseren Lesern bekannt wurde er als Autor des Buches „Tomaten statt Weizen“

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