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    Bundesverband
    Deutscher Landwirte e.V.
    Dresdner Straße 46
    09526 Dittmansdorf
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Die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft vor 45 Jahren – 2.Teil
Pressemitteilung vom 18.03.2005


Nachgeborene, aber auch Bürger aus westdeutschen Bundesländern fragen heute, was wohl die Bauern in der DDR bewogen haben mag, ihren z. T. seit Jahrhunderten familiengeführten Landwirtschaftsbetrieb in eine Genossenschaft sozialistischen Typs einzubringen.
Daß es sich um eine Zwangskollektivierung im umfassenden Sinne handelte, kann als unumstritten gelten, auch wenn später die Mehrheit der sogenannten Genossenschaftsbauern nicht mehr bereit gewesen wäre, den „transformationsprozeß“ umkehrbar zu machen. Hauptgründe für den LPG-Beitritt war die Sinnlosigkeit weiteren Widerstands und z. T. die Erkenntnis, daß klein- und mittelbäuerliche Betriebe nur im Westen eine Zukunft haben. Von Freiwilligkeit des Beitritts konnte i. R. nicht angegangen werden, denn das Wirtschaften nach dem LPG-Modell, von vielen mit sowjetischen Kolchosen verglichen, entsprach keinesfalls bäuerlicher Mentalität.
Als Gründe für das Nachgeben bei der LPG-Werbung, die unter den Bauern z. T. heftigen Widerstand hervorrief, sind zu nennen:

· Erkenntnis der Sinnlosigkeit weiteren Widerstands
· Resignation, später, nach dem Bau der Berliner Mauer, auch Fatalismus
· wirtschaftliche Schwäche, hervorgerufen durch Überalterung
· fehlende Hofnachfolge, mangelnde Kraft und Gesundheit
· Opportunismus, eine dem Menschen eigener Abwehrmechanismus
· Aber auch Pflichtbewußtsein, welches den Bauern seit Generationen anerzogen war
· Überzeugung und Fortschrittsglauben dagegen bei den Besitzlosen, die von der SED in Kolonnen unter dem Motto „Arbeiterklasse auf das Land“, geschickt wurden und die Dörfer überschwemmten.


Die Masse der LPG-Mitglieder war also nicht der LPG aus Überzeugung beigetreten. Unter diesen moralischen Voraussetzungen gingen die Mitglieder der LPG die ersten Schritte in einer vollgenossenschaftlichen Landwirtschaft.
Die Bauern fühlten sich nach dem Zwangsbeitritt wie früher die Tagelöhner, als unterste soziale Schicht.. Sie gingen antriebslos auf den Haupthof der LPG und wurden dort in Kollektive (Brigaden und Arbeitsgruppen) eingeordnet. Diese Unterordnung war für sie ungewohnt. Ihre Vorgesetzen waren oft Verantwortliche aus schlechten Vorgänger-LPGen, die zwar politisch geschult waren, aber in fachlichen Dingen zuweilen bei den ehemaligen Bauern rückfragen mußten. Der Großteil der Leitungskader stammte aus dem Leitungsbestand der MTS.
Die Nachkommen der Bauern versuchten sich oft über verschiedene Wege der Arbeit in der Landwirtschaft zu entziehen. Sie wählten andere Berufe und gingen in die Städte.
Dieser Abgang beschäftige die SED-Politiker und wurde auf den Bauernkongressen ernsthaft diskutiert, da jeder Arbeitskraft gebraucht wurde. Die Frauen der ehemaligen Bauern trauerten oft dem Vieh nach, das jetzt in genossenschaftliche Ställe umgezogen war und mußten mit ansehen, daß es jetzt nicht mehr so individuell und z. T. unzureichend versorgt wurde. Die Kühe, die vor kurzem noch einen Namen trugen, hatten jetzt nur noch eine Ohrmarke im LPG-Stall.
Von einem florierenden Großbetrieb, wie ihn die SED-Agrarpolitik von 1960 in Aussicht gestellt hatte, konnte keine Rede sein, dazu fehlten wesentliche Voraussetzungen moralischer aber auch technischer Art, denn in den Jahren 1960 und 1961 bestanden LPG i. d. R. aus den Mitgliedsbetrieben mit ihren herkömmlichen Technologien und althergebrachter Struktur. Die Arbeitsergebnisse waren unter diesen Umständen dergestalt, daß einige LPG-Mitglieder wieder austraten oder LPG sich sogar wieder auflösten.
Den Mängeln beim Beginn der genossenschaftlichen Arbeit konnte die kreislichen und bezirklichen Ebenen von Partei und Regierung oft nicht begegnen. So blieb es nicht aus, daß sich das Ministerium für Staatssicherheit intensiv mit der Landwirtschaft und den LPG-Problemen befaßte. Die Einsatzberichte des MfS geben die Schwierigkeiten, im Gegensatz zu Berichterstattungen anderer Institutionen, ungeschönt wider.
Öfter wurde die Unfähigkeit des Rates des Kreises, Abteilung Landwirtschaft, die Entwicklung der LPG im Sinne der zentralen Beschlüsse der SED zu steuern, angeprangert.
In vielen LPG weigerten sich die Bauern eine echte „genossenschaftliche“ Arbeit aufzunehmen und überhaupt regelmäßig zur Arbeit zu erscheinen. In einigen LPGen weigerte sich sogar der Vorsitzende die Schläge der ehemaligen Einzelbauern zu größeren Schlägen zusammenzulegen. Das war aber eine Voraussetzung, um eine dem Großbetrieb angepaßte Technologie in der Feldwirtschaft aufbauen zu können.
Die Feldwirtschaft krankte daran, daß die notwendige Ausstattung einer den betrieblichen und örtlichen Bedingungen angepaßten Landtechnik fehlte. Einen Schritt dazu tat die Regierung erst im Mai 1963 mit der Übergabe der Technik der MTS an die LPG. Um bessere Erträge zu erwirtschaften, fehlte es an mineralischen Dünger, insbesondere Stickstoff- und Phosphorsäure-Düngemitteln. Mindestens die nächsten fünf Jahre noch sprach man von einer „angespannten Stickstoffsituation“.
In der Viehwirtschaft sorgte akuter und permanenter Futtermangel für unbefriedigende Leistung der Nutztiere. Dadurch, daß sich die DDR von internationalen Märkten abgekoppelt hatte und keine konvertierbare Währung besaß, konnte Futtergetreide nicht im erforderlichen Umfang importiert werden, so daß zu wenig Kraftfutter hergestellt werden konnte.
In den Milchviehställen machte sich eine „Wandermelker“-Bewegung breit. Es handelte sich um Melker, die aus Frust oder Disziplinlosigkeit oder wegen schlechter Bezahlung häufig die LPG wechselten. Schlechte Milchleistungen und demzufolge Versorgungsmängel bei den Verbrauchern waren eine der Folgen davon. In Protokollen von Vorstandssitzungen der LPGen finden sich Vermerke über Alkoholmißbrauch bei der Arbeit. In den Berichten des MfS werden Brände von Produktionsgebäuden als Folge von „Feindtätigkeit“, erwähnt. Die Aktenlage gibt darüber nicht genau Auskunft, wie viel Kinder bzw. Jugendliche davon beteiligt waren oder wie viel „vom Westen gedungene Kriminelle“ als Brandstifter in Frage kamen.
Die Schwierigkeiten in den LPG nahmen nach 1965 langsam ab. Jetzt griffen umfangreiche Fördermaßnahmen des Staates in der Agrarwirtschaft. Eine Vielzahl von Subventionen löste das „neue ökonomische System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft“ aus. Dieser Versuch einer Wirtschaftsreform wurde jedoch zu Ende der sechziger Jahre seitens der SED untergraben. In diesem Zuge hatten sich aber die meisten LPG soweit wirtschaftlich gefangen, daß sie zu einer Bezahlung der Arbeitskräfte – zu solchen waren die ehemaligen Bauern mutiert – kommen konnte, die eine gefährliche Abwanderung in die Industrie und Ballungsgebiete verhinderte.

Quelle: Auszüge aus einer unveröffentlichten Arbeit mit Genehmigung des Autors

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