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    Bundesverband
    Deutscher Landwirte e.V.
    Dresdner Straße 46
    09526 Dittmansdorf
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Die Zwangskollektivierung der Landwirtschaft vor 45 Jahren – 1.Teil
Pressemitteilung vom 18.03.2005


Im Frühjahr 1960 vollzog die SED mit Unterstützung der gleichgeschalteten Blockparteien die Zerschlagung der freien Bauernschaft zwischen Rügen und Erzgebirge, zwischen Oder und Thüringer Wald. Alles begann mit der zweiten Parteikonferenz der SED vom 09. bis 12.Juli1952 in Berlin. In kürzester Zeit schuf die Partei 4.195 LPG mit 128.550 Bauern, vor allem aus Bodenreformsiedlern und ansässigen Kleinbauern. Nahezu in jedem Dorf wurde ein Großbauernhof enteignet und als „örtlicher Landwirtschaftsbetrieb“ zur Keimzelle der LPG. Der Besitzer war wegen Nichterfüllung des Ablieferungssolls als Wirtschaftssaboteur eingesperrt oder in den Westen geflohen. Nach dem 17. Juni 1953 sah sich SED-Chef Ulbricht gezwungen einen „Neuen Kurs“ einzuschlagen. Viele Großbauern wurden aus der Haft entlassen, ein Großteil der Kleinbauern traten wieder aus der LPG aus.
Das Ziel der SED, den „Beginn des planmäßigen Aufbaues der Grundlagen des Sozialismus in der DDR“ war aber nicht aufgegeben. Am 01. und 02. Juni 1955 nahm die SED während der 24. ZK-Tagung Korrekturen und Revisionen an der Politik des „Neuen Kurses“ vor und leitete eine neue „Generallinie der Partei“ ein. Wegen zahlreicher Betriebsaufgaben und Fluchten in den Westen nahm die Zahl der LPG-Gründungen wieder zu. 1957 bestanden 55 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche aus Flächen von verlassenen oder beschlagnahmten Betrieben.
Der V. Parteitag der SED vom 10. – 16.Juli 1958 forderte die Erhöhung des Tempos der vollständigen Kollektivierung des Bauernstandes der DDR. Nach dem XX. Parteitag der KPdSU 1956 besuchte der sowjetische Parteichef Nikita Chrustschow 1958 die DDR. Mit dem Spruch „Der Mais, das ist die Wurst am Stengel“ hielt der Silomais seinen Einzug in die DDR-Landwirtschaft. Damit sollte dem permanenten Futtermangel in den LPG begegnet werden. Die LPG erhielten staatliche Auflagen des Anbaus von 9 % bis zu 11 % der landwirtschaftlichen Nutzfläche. Auch der Bau von Offenställen war ein Ergebnis der sowjetischen Empfehlungen.
Das Jahr 1959 stand bei den ZK-Tagungen völlig im Zeichen des Abschlusses der Kollektivierung. Die Sorgen der SED mit der Landwirtschaft drückten sich auf der 7. ZK-Tagung vom 10. bis 13.Dezember 1959 aus. Es wurden Rückstände bei der Planerfüllung und Versorgungsprobleme der Bevölkerung zugegeben. Die existierenden LPGen konnten die Mängel nicht beheben, sie hatten „Milchschulden“.
Die DDR-Medien füllten den Alltag mit Meldungen von Problemen bei der Frühjahrs- und Herbstbestellung sowie Kartoffel- und Zuckerrübenernte. Die Bevölkerung begegnete dem mit Ironie und merkte, daß das LPG-Modell wohl nicht so recht funktionierte. Um die Versorgungskrise zu lösen und das „Weltniveau“ bei den Hektarerträgen und der tierischen Produktion zu erreichen, beschloß die SED die Beschleunigung der „sozialistischen Umgestaltung der Landwirtschaft“. Das Politbüro der SED wurde beauftragt, ein „Dokument für die vollständige Vergenossenschaftlichung der Dörfer“ auszuarbeiten. Von jetzt an begann die verstärkte und flächendeckende Werbeaktion zur „Gewinnung aller Bauern für die LPG“.
Die 7. Tagung des ZK der SED im Dezember 1959 sprach sich zwar offiziell noch gegen „administrative Maßnahmen und Zwangsmethoden“ aus, dennoch erreichte der politische Druck Anfang 1960 die Dörfer. Die SED setzte Propaganda- und Werbetrupps ein: „Rote Brigaden“, „Tiefflieger“ und Patenbrigaden. Wer sich widersetzte, wurden öffentlich angeprangert, kriminalisiert und z. T. verhaftet. Informationsbericht des Ministeriums für Staatssicherheit, die z. T. auch zur Entgegnung von Meldungen westlichen Rundfunksendern angefertigt wurden, geben einen ungeschminkten Einblick in das Geschehen. 1960 erhielten „Patenbrigaden aus volkseigenen Betrieben“ Parteiaufträge, wirkten als Werber und nahmen Einfluß auf die Festigung der älteren wie auch der neu gegründeten LPG. Am 21.Januar 1960 beriet das Politbüro der SED und forderte von den unteren Ebenen per „Parteiauftrag“, die Kollektivierung durch weitere LPG-Beitritte mit aller Macht voranzutreiben.
Am 02. und 03. Februar 1960 fand in Moskau auf Initiative der KPdSU eine Vorkonferenz für die im Herbst 1960 einzuberufende „Konferenz von Vertretern der Kommunistischen und Arbeiterparteien sozialistischer Länder Europas“ statt. Hierbei berieten die Delegierten über die Entwicklung und Perspektive der Landwirtschaft, insbesondere im „sozialistischen Lager“. Die DDR-Delegation verwies stolz darauf, daß bereits mehr als 53 % der LN der DDR und ca. 1.500 Dörfer zum „sozialistischen Sektor“ (der Volkswirtschaft) gehörten. Eine weitere Erhöhung der Erträge sei aber nur durch Ausweitung eben dieses Sektors zu erreichen. Anschließend kam es zu einem Vertrag zwischen der UdSSR und der DDR, über materielle Hilfe bei der „sozialistischen Umgestaltung der Landwirtschaft“.
Am 04.03.1960 vermeldeten die staatlichen Behörden der „Nordbezirke“ Rostock und am 12.03.1960 Neubrandenburg, daß sie „vollgenossenschaftliche Bezirke“ geworden seien. Wie die „Leipziger Volkszeitung“ am 13.12.1959 berichtete, war am 12.12.1959 bereits der Kreis Eilenburg bei Leipzig in den südlichen Bezirken erster vollgenossenschaftlicher Kreis der DDR geworden. Am 30.03. bis 02.04.1960, während der 8. Tagung des ZK der SED würdigte die SED-Führung dem „freiwilligen Eintritt aller Bauern“ in die LPG aus acht Bezirken als „Ergebnis der schöpferischen Anwendung des Leninschen Genossenschaftsplanes. Gleichzeitig faßte die Plenartagung einen „Beschluß über die Erhöhung der landwirtschaftlichen Produktion und die Entwicklung der LPG“.
Am 05.April 1960 rief der Zentralrat der Freien Deutschen Jugend unter dem Slogan „10.000 unserer Besten gehen in das vollgenossenschaftliche Dorf“ zur personellen Verstärkung der fast vollständig kollektivierten Landwirtschaft auf. Bis Ende 1960 hatte die FDJ ca. 17.500 junge Fachkräfte aus industriellen Bereichen, die dort keineswegs entbehrlich waren, auf das Land beordert.
Am 14. April 1960 erfolgte der Zusammenschluß des Großteils der Bauern im Bezirk Karl-Marx-Stadt (Chemnitz) zu LPGen. Damit war auch der Süden der DDR „vollgenossenschaftlich“ geworden. Das bedeutete, daß in allen 12 Bezirken die Bauern überwiegend unfreiwillig, zu staatsgenossenschaftlichen Landwirtschaftsbetrieben zusammengeschlossen worden waren.
Damit war im wesentlichen der „Sozialistische Frühling“ ausgeklungen und die DDR-Landwirtschaft setzte ihren Weg im Laufe des sozialistischen Jahreskalenders fort, der mit dem Winter 1989 in der Wende endete.

Quelle: Auszüge aus einer unveröffentlichten Arbeit mit Genehmigung des Autors

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