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Ich bin die Seuche - ich war immer da
Wolfgang Büscher: Ein Porträt der MKS
Pressemitteilung vom 15.03.2001


Ein wahrhaft unheimlicher Typ ist hier vorzustellen. Einer, der für die Bemühungen der Menschen um die liebe Globalität nur Hohn und Spott übrig hat. Ich war immer schon da, raunt er, und ich war immer global. Seit der Zeit, die ihr die in eurer humanen Beschränktheit „die Antike“ nennt. Seit ihr aufhörtet, dem wandernden Vieh hinterherzuwandern und euch Erde und Tiere untertan machtet, habe ich euch in die fette Haussuppe gespuckt. Ich bin über eure Herden gekommen und habe gemacht, dass sie vor Schmerzen brüllen und eingingen, und ihr konntet nichts gegen mich tun. Denn ich bin der alte Wanderer. Ich bin der, der ihr nicht mehr sein wolltet, als ihr sesshaft wurdet.

Ich bin schneller, als eure Grenzpolizei erlaubt. Ich reise mit Windgeschwindigkeit, das dürft ihr wörtlich nehmen. Nur zu meiner Bequemlichkeit springe ich auf eure Kleider, Stiefel, Autos auf oder nehme irgendein Tier. Ihr legt an Grenzen und Flughäfen ameisengetränkte Matten aus und lasst die Leute durch Wannen steigen. Wirklich, ihr macht euch eine Menge Scherereien, um mich zu vernichten. So viel immerhin habt ihr über mich herausgebracht: Ich vertrage das Saure nicht und starke Hitze auch nicht, die bringt mich um. Aber bildet euch darauf nichts ein. Mich kriegt ihr nie. Ich überlebe Fäulnis, Wärme, Staubtrockenheit. Ich überwintere Jahre an einem Haar, Monate in einer Jauchegrube. Ich bin einfach zu zäh für euch, zu schnell, zu vielgestaltig. In meinem Reich geht die Sonne nicht unter. Ich herrsche von Amazonien via Orient bis Hongkong. Sieben meiner Erscheinungsformen habt ihr gezählt. Na und? Sie zerfallen in Dutzende Untertypen. Kuriose Namen habt ihr mir gegeben. Noms de guerre wie: III O. Italien 93. A22 Irak. Apropos, einige von euch glauben, ich sei in die Dienste skrupelloser Militärs getreten und käme jetzt aus deren Bio-Labors. Wohl wahr, solche Labors gibt es, und für alles, was geht, findet sich eines Tages ein Schurke, der es macht. Aber das ist euer Problem. Ich habe das nicht nötig. Ich war immer schon da.

Meine Vielgestalt ist der Grund, dass ihr immer zu spät kommt mit euren Spitzen. Bevor ihr etwas unternehmen könnt, müsst ihr mich erst einmal finden hinter der Maske, die ich Lust habe, heuer zu tragen. Ich bin das Rätsel, und ihr seid die Rater, so sind die Machtverhältnisse in euren Ställen. Stets reise ich inkognito. Gern im Blut, das einer eurer Dichter einen ganz besonderen Saft nannte, aber auch in den minderen Säften, da bin ich nicht zimperlich. Ich bin in der wandernden Erde, ich wehe mit dem Staub. Ja, ich nehme sogar, ich deutete es an, den Wind. Ich fliege, wenn es sein muss, 300 km weit über eure lächerlichen Sperrbezirke und Säurewannen hinweg, von Stall zu Stall.

Ihr bemerkt mich erst, wenn eure Tiere lahm und fiebrig werden, das Fressen verweigern und keine Milch mehr geben. Wenn an ihren Mäulern meine blutigen Visitenkarten erscheinen, jene tückischen Bläschen, die dann aufplatzen und ihnen Schmerzen bereiten. Einigen bringen sie den Tod, Jungtieren fast immer.

Ein Kompliment immerhin darf ich euch Deutschen machen. Es war einer eurer Professoren, der mich vor 100 Jahren als Erster erkannte. Man hatte mich für ein Bakterium gehalten oder für ein böses Gift. Dieser Mann – Friedrich Loeffler hieß er und forschte in Greifswald und später sicherheitshalber auf einer isolierten Ostseeinsel – verstand, dass ich ein Virus bin, und zwar das ansteckendste Tiervirus der Welt. Und dabei ein „winzigstes Wesen“, wie der Professor mich nannte, das hat mir gefallen. Seitdem muss ich ein bisschen vorsichtiger sein. Dass ich selbst nur wenige Tiere töte, macht gar nichts. Ihr erledigt das für mich. Ich bin ein hoch infektiöser Dämon, ich muss eure Tiere nur streifen, und schon bin ich in ihnen. Ich bin, offen gesagt, nichts als Erbgut, kristallin sozusagen. Ich kann mich mitteilen nur und sonst gar nichts. Lieben möchte ich das nicht nennen, so viel Höflichkeit muss sein. Ich teile mein Gen-Wesen dem Tier mit, das so freundlich ist, mich zu bewirten, und schon multipliziere ich mich wie Pilze nach dem Regen. Ich passe, um euch eine Idee meiner überlegenen Art zu geben, in x-facher Millionenstärke in einen eurer Stecknadelköpfe. Ihr habt da diese hübsche Metapher vom Heuhaufen, die geht, was mich angeht, in die richtige Richtung. Ein letzter Scherz noch. Etwas Menschliches habe ich doch. Ich bin, ich muss es gestehen, mit eurem gemeinen Schnupfen verwandt.

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