• Anschrift:
    Bundesverband
    Deutscher Landwirte e.V.
    Dresdner Straße 46
    09526 Dittmansdorf
zurück

Ein deutsches Dorf
Kurz vor Ende des Krieges nimmt ein Bauer im württembergischen Brettheim vier Hitlerjungen die Waffen ab. Bürgermeister und Lehrer weigern sich, sein Todesurteil zu unterschreiben. Die SS hängt alle drei.
Von Jürgen Bertram
Pressemitteilung vom 09.03.2005


Hinter den Hügeln donnern die Geschütze der Amerikaner. Durch das Dorf ziehen versprengte deutsche Soldaten. Sie tragen zerlumpte Filzschuhe statt Kampfstiefel, ähneln Vagabunden mehr als Kombattanten. Und doch ist dieser 7. April 1945 ein wunderschöner Frühlingstag. Die Bewohner des Ortes Brettheim im Nordosten Württembergs, die sich mit dem Gedanken an eine Kapitulation längst abgefunden haben oder sie sogar herbeisehnen, hoffen auf ein friedliches Fest. Am morgigen Sonntag ist Konfirmation.

Friedrich Hanselmann, einer der angesehensten Bauern im Dorf, will die 14-jährige Maria zur Kirche begleiten. Sie wurde aus dem von Bomben bedrohten Stuttgart nach Brettheim verschickt und bei den Hanselmanns einquartiert. Auf sie konzentriert sich die Fürsorge des 49-jährigen Landwirts. Sein ältester Sohn ist kurz vor seinem 21. Geburtstag im Osten gefallen. Der zweite gehört, mit gerade mal 16, zum letzten Aufgebot an der Heimatfront und steht bei einer Flak in Nürnberg. „Das Mädel soll's gut haben!“, ruft der Landwirt seiner Frau Lina zu, als er auf sein Rad steigt, um bei einem Hausschlachter den Festbraten zu bestellen.

Weit kommt er nicht. Einige Dörfler halten ihn auf und berichten, dass in der Früh vier Hitlerjungen nach Brettheim gekommen seien, bewaffnet mit Panzerfäusten, Handgranaten und einem Gewehr. Hitlerjungen? Die haben, ahnt Hanselmann, bestimmt den aberwitzigen Befehl, die vorrückenden Amerikaner zu bekämpfen. Das könnte auch Brettheim noch einmal in Gefahr bringen. Er macht sich auf die Suche nach dem Trupp, und als er ihn in der Nähe der Molkerei entdeckt, nimmt ein Drama seinen Lauf, das den ganzen Irrsinn des Krieges und seines apokalyptischen Finales offenbart.

Die Vernunft eines kriegsmüden Familienvaters prallt auf den Fanatismus von Halbwüchsigen, die getrimmt sind auf blinden Gehorsam, eingeschworen auf selbstmörderische Opferbereitschaft. „Buben!“, fragt Hanselmann, „was wollt ihr da?“ Der Anführer der Gruppe, höchstens 16 ist er, entgegnet: „Halten Sie den Mund und fahren Sie weiter!“ Hanselmann lässt nicht locker. Er herrscht die Jungen an: „Ja wollt ihr euch denn noch totschießen lassen, ihr Idioten!“ Gemeinsam mit anderen Bürgern nimmt er den Hitlerjungen schließlich die Waffen ab. Die Brettheimer machen das Kriegsgerät unschädlich und versenken es im Dorfteich.

Die in ihrem Stolz getroffenen Knaben melden den Vorfall ihrem Vorgesetzten, und schnell erfährt SS-General Max Simon von der Entwaffnung. Aufgewachsen in einem schlesischen Kleinbürger-Haushalt und aufgestiegen dank seiner gnadenlosen Kriegsführung, thront er wie ein Feudalherr in dem 15 Kilometer entfernten Schloss Schillingsfürst, seinem Hauptquartier für den Endkampf. „Die Schweinerei in Brettheim“, befiehlt er, „muss ausgeräumt werden!“ Er schickt Sturmbannführer Friedrich Gottschalk in das renitente Dorf. Der SS-Offizier kommandiert noch am gleichen Abend die männliche Bevölkerung ins Rathaus der Gemeinde. Er verhört alle einzeln, brüllt und tobt. Als er nur auf Schweigen stößt, droht er den Brettheimern: „Ich gebe Ihnen fünf Minuten Zeit. Entweder die Täter stellen sich sofort freiwillig, oder ich lasse an Ort und Stelle ein paar Dorfbewohner erschießen!“ Bauer Friedrich Hanselmann erleidet seelische Höllenqualen. Schweigt er, bringt er womöglich das ganze Dorf in Gefahr. Redet er, muss er selbst mit dem Schlimmsten rechnen. Er meldet sich: „Ich war's. Ich will nicht, dass Unschuldige büßen.“

Gottschalk beruft kurzerhand ein Standgericht ein und erklärt sich selbst zum Vorsitzenden. Seine Anklage: „Zersetzung der Wehrkraft.“ Sein Urteil: „Tod durch Erschießen.“ Am Dorfrand wartet bereits das Exekutionskommando. Der NS-Ortsgruppenleiter Leonhard Wolfmeyer, von Gottschalk zum Beisitzer ernannt, soll den Schuldspruch durch seine Unterschrift absegnen. Wolfmeyer, 42, Hauptlehrer an der Dorfschule, hat zwar in glühenden Reden das Nazi-Regime verherrlicht, doch nun sagt er: „Ich werde meine Hand nicht dazu hergeben, dass ein solch fleißiger und anständiger Bürger einen derartigen Tod findet.“ SS-Mann Gottschalk macht daraufhin Bürgermeister Leonhard Gackstatter zum Beisitzer und fordert ihn auf, das Urteil zu unterzeichnen. Der 63 Jahre alte Bauer und Bäcker, seit 25 Jahren im Amt, sagt: „Niemals. Das unterschreibe ich niemals.“

Solche Unbeugsamkeit hat in Brettheim Tradition. Das Wappen des Ortes ist der Bundschuh, Symbol des Widerstands gegen den ausbeuterischen Adel während der Bauernaufstände im 16. Jahrhundert. Als Adolf Hitler 1938 über den Anschluss Österreichs abstimmen ließ, votierten auffallend viele Brettheimer dagegen. SS-Offizier Gottschalk, überfordert von der Standhaftigkeit der beiden Dorfvertreter, bricht die Verhandlung entnervt ab und lässt Hanselmann nach Schillingsfürst schaffen. Nach der Schreckensnacht im Rathaus wirkt das Dorf wie gelähmt. Hanselmanns Ziehtochter Maria trägt ihr schwarzes Konfirmationskostüm, so berichtet sie später, „wie ein Trauerkleid“.

Am Montag, den 9. April, verhaftet die SS auch Ortsgruppenleiter Wolfmeyer und Bürgermeister Gackstatter. General Simon beruft ein neues Standgericht ein und bestimmt diesmal Major Ernst Otto zum Vorsitzenden. Der verurteilt die beiden Männer, die den Mut hatten, einem Todesurteil zu widersprechen, als „feige, selbstsüchtige und pflichtvergessene Verräter“ selber zum Tod. General Simon persönlich ordnet an, wie die Urteile an den drei Brettheimern vollstreckt werden sollen: „Erhängen!“ Unehrenhafter kann man in Nazi-Deutschland nicht sterben.

Am frühen Abend des 10. April trifft vor dem Brettheimer Friedhof eine Gruppe von Hitlerjungen ein, darunter vermutlich auch die Knaben, die Hanselmann vor drei Tagen vertrieben hatte. Sie tragen Tische, Stühle und Kisten zusammen. Dann befestigen sie an den Ästen der 200 Jahre alten Linden drei Kabel. Die Wartezeit bis zur Hinrichtung vertreiben sie sich, indem sie auf der Friedhofsmauer fröhliche Lieder zur Ziehharmonika singen.

Im offenen Wagen bringt die SS die Todeskandidaten von Schillingsfürst nach Brettheim. Vor dem Haus des Bauern Hanselmann spielen seine beiden Jüngsten. Er winkt ihnen zu. Der zwölfjährige Ernst glaubt, dass der Vater endlich nach Hause kommt. „Mama“, meldet er freudig, „der Papa ist wieder da. Er hat uns g'rad zugewinkt.“ Doch der Wagen fährt weiter Richtung Friedhof.

Gegen 20 Uhr befielt der angetrunkene Sturmbannführer Gottschalk: „Wir schreiten jetzt zur Vollstreckung.“ Er und Major Ernst Otto überwachen die Szene. Die Hitlerjungen stoßen Friedrich Hanselmann und Bürgermeister Leonhard Gackstatter in den Tod. Lehrer Leonhard Wolfmeyer tritt selbst den Stuhl unter sich weg. „Die Ausführung“, erinnert sich Gottschalk später, „ging reibungslos vonstatten.“ Der Offizier verfügt: Vier Tage und vier Nächte sollen die Leichen zur Abschreckung an den Linden hängen bleiben. Sonst „werden noch zehn weitere aus dem Dorf dazu geknüpft“. Dann zecht er in einem Gasthaus weiter und prahlt mit seiner Tat. Die Hitlerjungen ziehen johlend durch das Dorf. Der zwölfjährigen Uta Wolfmeyer, die noch nicht weiß, dass ihr Vater erhängt wurde, rufen sie zu: „Geh zum Friedhof. Da siehst du was Feines!“ Später kehren sie zu den Leichen zurück, schubsen sie und lassen sie an den Ästen Pirouetten drehen.

In Brettheim nistet nun die Angst. Niemand wagt es, auf den rettenden Handel einzugehen, den die Amerikaner auf Flugblättern anbieten: Frieden gegen Kapitulation. Niemand traut sich, die weiße Fahne zu hissen. Nach der Hinrichtung haben SS-Leute im Dorf Stellung bezogen. Als am Morgen des 17. April die Panzer der Amerikaner auf das Dorf zurollen, eröffnen die Soldaten das Feuer und provozieren so die Vernichtung Brettheims. Gegen 9 Uhr schlagen die ersten Artillerie-Geschosse ein. Um 11.45 Uhr erreichen acht amerikanische Jagdbomber das Dorf. Ein US-Leutnant notiert: „Zwei Überflüge mit Bordwaffenbeschuss durchgeführt. Bomben: 8 x 460 1b-Brandbomben, 48 x 20 1b-Splitterbomben.“

Brettheim brennt. Menschen irren über die mit Trümmern übersäte Hauptstraße, drängen sich in den Kellern. Aus den Ställen dringt das Brüllen des Viehs. Wie wahnsinnig rüttelt es an seinen Ketten. Eine Gruppe von Bürgern sucht Schutz in einer Bachmulde, gerät dort aber in ein Gefecht zwischen Amerikanern und Deutschen. Die Bäuerin Sophie Hahn bedeckt mit ihrem Körper ihr Kind. Neben ihr duckt sich eine aus Düsseldorf evakuierte Frau mit ihrer knapp zwei Jahre alten Tochter. „Und plötzlich“, erinnert sich Sophie Hahn, „werden wir beschossen. Und im nächsten Moment gibt es einen Knall. Oh Gott, habe ich gesagt, mein Fuß ist weg. Wo ist denn die Frau Wimmenauer? Da waren nur noch ihre Locken und vom Kind nur noch ein Füßlein.“

17 Zivilisten sterben bei den Kämpfen, das Dorf wird zu 85 Prozent zerstört. Fast unversehrt ragt die Kirche aus den Ruinen. Wie es die tief religiöse Gemeinde immer wieder besungen hat: Ein feste Burg ist unser Gott. Und dieser Glaube wird Berge versetzen — Schuttberge zunächst.

Witwe Lore Wolfmeyer verlässt mit ihren Kindern ihren Heimatort. Sie ist schwanger, und die Wehen kommen viel zu früh, im siebten Monat. Die jüngste Tochter wird nur ein paar Tage alt. Dorothea hätte sie heißen sollen. Wie die anderen Hinterbliebenen, wie ganz Brettheim hofft die Frau des erhängten Lehrers auf Gerechtigkeit. Doch für sie wird das juristische Nachspiel des Dramas zu einem zweiten Trauma, an dem sie psychisch zerbricht.

1951 wertet das Landgericht Ansbach die Taten der drei Offiziere Simon, Gottschalk und Otto als nicht schwer wiegend genug für eine Anklage. Auf Weisung des Obersten Bayerischen Landesgerichts ermittelt der Staatsanwalt zwar weiter, aber das Landgericht Ansbach stellt das Verfahren im Oktober 1954 erneut ein. Es spricht von der „Verabscheuungswürdigkeit des Vorgehens der Verurteilten“ und meint „Den Angeklagten war nicht zuzumuten, die Taten zu unterlassen“. Andreas Schmidt heißt der für die Amnestie verantwortliche Richter, ein ehemaliges Mitglied der NSDAP. Das Jahr seines Eintritts in die Partei: 1927.

Die Oberste Kammer revidiert die Entscheidung erneut und ordnet zum zweiten Mal einen Prozess an. Er ist für Anfang Oktober 1955 angesetzt. Wieder heißt der Vorsitzende Richter Andreas Schmidt. Er befindet, die drei Nazi-Offiziere hätten im Rahmen der geltenden Gesetze ihre Pflicht getan, die Todesstrafen seien „zwar hart, aber nicht Unrecht“ gewesen und sagt: „Das Unrecht ist auch, wenn eines geschehen ist, bei den Brettheimern, die daran auch schuldig sind.“ Am 19. Oktober 1955 verkündet Richter Schmidt das Urteil: Freispruch für alle drei Angeklagten. Die Witwen der Exekutierten erhalten Post von den Renten- und Pensionsträgern: Die Zahlungen würden eingestellt, da ihre Männer laut Gerichtsurteil an ihrem Tod selbst schuld seien.

Auch in zwei weiteren Verfahren folgen die Richter der Logik ihres Ansbacher Kollegen. Im dritten Prozess wird zumindest Sturmbannführer Gottschalk zu dreieinhalb Jahren Haft verurteilt — weil er sogar gegen Nazi-Recht verstieß. Auf den jungen Rechtsstaat, so urteilt damals die FAZ, habe sich der „Schatten Brettheim“ gelegt.

Das Dorf resigniert nicht, sondern macht sich selbst an die Aufarbeitung. Ortsvorsteher Friedrich Braun treibt in den 80er-Jahren die Einrichtung einer Gedenkstätte voran, die Historiker als vorbildlich bezeichnen. Der Textil-Kaufmann sammelt Geld bei der regionalen Wirtschaft, bittet die Bürger um Exponate. Nun kramt ein Dorf buchstäblich in seiner Vergangenheit. Brettheim ist, so Braun, beseelt von „einem Hunger nach Wahrheit“. Zu den Ausstellungsstücken gehören eine Ziehharmonika, wie sie die Hitlerjungen spielten, Geschosse, die Bauern aus ihren Feldern pflügten, oder eine Kognakflasche wie die, aus der Sturmbannführer Gottschalk am Tag der Hinrichtung trank.

Zugleich beginnt die Filmgruppe der Oskar-von-Miller-Realschule im nahen Rothenburg ob der Tauber, eine Dokumentation über Brettheim zu drehen. Teenager kommen mit Mikrofon und Kamera in den Ort und befragen Zeitzeugen. Mittlerweile haben vier Schülergenerationen mehr als 100 Stunden Material zusammengetragen und mehrere eindrucksvolle Filme geschnitten. „Es gibt Aufnahmen“, erzählt der mittlerweile pensionierte Lehrer Thilo Pohle, „die wir vor lauter Weinen nicht weiterdrehen konnten. Die Schüler sind rausgelaufen und haben geheult.“

Ihre Filme erschüttern heute Kinder und Jugendliche von Schulen in ganz Süddeutschland. Etwa 30 Klassen besuchen jedes Jahr die Gedenkstätte von Brettheim. In das Gästebuch schreibt ein Besucher: „Eine ergreifende Geschichte.“ Und fügt hinzu: „Wenn's doch nur eine Geschichte wäre.“

Und die Hitlerjungen? Mitte siebzig müssten sie jetzt sein. Jahrzehntelang hat man im Dorf darauf gewartet, dass sich wenigstens einer von ihnen meldet und sagt: Ja, ich habe mitgemacht. Es tut mir Leid. Ich war doch damals noch ein Kind. Die Brettheimer hätten die Entschuldigung angenommen.
Gerade erschienen: Jürgen Bertram, „Das Drama von Brettheim“, Fischer Taschenbuch Verlag, 192 Seiten, 8,90 Euro

Copyright: FOCUS Magazin, 9/2005

zurück