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    Bundesverband
    Deutscher Landwirte e.V.
    Dresdner Straße 46
    09526 Dittmansdorf
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Hermann Kroll-Schlüter
Pressemitteilung vom 13.03.2003


Alt-Bürgermeister von Warstein, Abgeordneter des Bundestages (1990 mit Sondervotum gegen das Bodenreform-Unrecht), langjähriger Agrarstaatssekretär in Sachsen und heutiger Präsident der Katholischen Landvolkbewegung Deutschlands (KLB) mit einem Vortrag auf der VDL-Landesmitgliederversammlung am Aschermittwoch in Freiberg, den wir in Auszügen wiedergeben.

Entwicklung, Wandel, Erneuerung:

Prüfet alles und behaltet das Gute

Immer bewegt sich was, was bewegt mich? Was will ich bewegen im Sinne von Gestalten und Verantwortung? Schöpferische Verantwortung.

Freiheit und Gleichheit. Liberalismus und Sozialismus.
Freiheit und Menschenwürde. Freiheiten statt Freiheit.
Individualität und Bindungslosigkeit


Christliches Menschenbild. Europa im Zeichen des Kreuzes. Das Experiment, ohne Religion auszukommen, ist noch nirgendwo gelungen.

Hans-Joachim Fischer, FAZ-Korrespondent in Rom:
„Es herrscht die Überzeugung, dass die Menschheit insgesamt mit ihren 6 Milliarden sich die Religion nicht so leicht ausreden lässt und die Menschen einzeln in Schicksalsfragen für Gott noch keinen Ersatz gefunden haben. Allein die Tatsache, dass die erste, älteste und einzige wirklich globale Institution eine Religionsgemeinschaft ist, nämlich die Kirche seit Jesus Christus, widerlegt die Totengräber Gottes stets aufs Neue... Am Beginn des 21. Jahrhunderts, also nach zwei Jahrtausenden Arbeit für die Menschen, ist die katholische Kirche international die wichtigste Institution bei den Sozialdiensten, im Gesundheitswesen und in der Erziehung... Die moderne Gesellschaft will merkwürdigerweise modern sein, obgleich sie doch eine moderne Gesellschaft ist. Diese moderne Gesellschaft existiert nicht mehr aus eigener Kraft. Sie braucht Zuwanderung. Augustinus: „Die Sache haben sie gesehen, die Ursache aber nicht erkannt“.

Subsidiarität - Solidarität - Nachhaltigkeit.
Tietmeyer: „Die Prinzipien der sozialen Marktwirtschaft: Selbstverantwortung und Eigeninitiative, Wettbewerb und die besten Ideen und Lösungen, soziale Verantwortung für das Gemeinwesen, Solidarität mit den Schwachen...
Sie sorgt im Vergleich mit allen anderen Wirtschaftsordnungen für den größten individuellen Freiraum und die größte Effizienz und ermöglicht damit ein dauerhaft tragfähiges Solidarsystem, wenn und solange dieses System adäquat gestaltet ist...“

Kardinal Lehmann: „Soziale Marktwirtschaft: Eigeninitiative, Selbstverantwortung, Leistungsbereitschaft und Mut zum Wettbewerb... jede freie Wettbewerbswirtschaft, auch die staatlich regulierte, bedarf starker sittlicher Gegenwirkungen gegen den Privategoismus... Entscheidung zwischen einer liberalen und zentral gelenkten Konzeption... die Automatik des Marktes kann alleine keine soziale Ordnung schaffen... Es genügt nicht zu denken, soziale Marktwirtschaft sei Marktwirtschaft plus Sozialpolitik... das Leitbild der sozialen Marktwirtschaft beinhaltet vorrangig die Grundsätze von Selbstverantwortung und Subsidiarität... Es muss immer bewusst bleiben, das sich gegenseitig bedingende Geflecht von sozialer Marktwirtschaft und Demokratie, von individueller Anstrengung und sozialer Verantwortung, von Privateigentum und seiner Sozialpflichtigkeit... Soziale Marktwirtschaft gibt es nur als Konzept eines ständigen Ausgleichsbemühens, die den Gedanken der Solidarität und der Subsidiarität. Wir sprechen zu wenig von den humanen und damit auch ethischen Rahmenbedingungen. Wir dürfen darum die Probleme der sozialen Marktwirtschaft nicht abkoppeln von einem tragfähigen Menschenbild, einer funktionierenden Demokratie und der Gültigkeit verlässlicher Grundwerte in einem Gemeinwesen und im Staat...
Außerdem liefert der Markt weder öffentliche Güter noch Einkommen für diejenigen, die nicht am Erwerbsleben teilnehmen können...
Der Staat soll nicht die Produktion lenken, sondern die Rahmenbedingungen setzen, die die Freiheit des Marktes erst ermöglichen. Der Staat kann die Zukunft nicht planen, sondern muss Rahmenbedingungen gestalten, mit denen eine ungewisse Zukunft bewältigt werden kann...“

Ökosoziale Marktwirtschaft
Eine freiheitliche Ordnung dient der Ordnung einer Entwicklung. Und es gibt immer eine Entwicklung. Es wird immer Neues entdeckt werden. Das Neue muss sich in eine gewollte Ordnung einfügen. Das Entdeckungsverfahren prägt die Marktwirtschaft. Marktwirtschaft bedarf, damit sie stets ihre Funktionen erfüllt, des gesicherten Wettbewerbs.
Eine menschenwürdige Weltwirtschaftsordnung dient der sozialen Partnerschaft und dem transnationalen Gemeinwohl. In diesem Bemühen orientiert man sich am wirksamsten an der ökosozialen Marktwirtschaft, die die Freiheit des Wettbewerbs mit sozialem und ökologischem Ausgleich verbindet. Die ökosoziale Marktwirtschaft und das Prinzip der Nachhaltigkeit müssen bei allen künftigen Verhandlungen über den Weltagrarhandel die ordnungspolitische Orientierung sein. Ökosoziale Landwirtschaft – das ist ein ganzheitliches Modell, in dem das Wirtschaften auf sozialer Gerechtigkeit und ökologischer Verantwortung beruht. Sie bekennt sich zu den Prinzipien des Wettbewerbs und der Marktwirtschaft.

Der Markt ist Basis und Motor. Die Grundprinzipien des Wettbewerbs und der Eigenverantwortung gehören zu den Orientierungspunkten für das der Marktwirtschaft

Bischof Homeyer: “Es gilt, Glaube und Gesellschaft, Schöpfung, Spiritualität und umweltpolitische Mitverantwortung stärker zu verknüpfen. Kirche hat ihre Quelle in einer Spiritualität und Lebenshaltung der Hoffnung und der Gerechtigkeit, die auf die Bewahrung der Würde des Menschen ausgerichtet ist.....
Kirchliche Politikberatung übersetzt das Zeugnis der Gerechtigkeit und der Liebe in ordnungspolitische und gesellschaftliche Gestaltungsfragen. Ein adäquater Ausdruck des Leitbilds der nachhaltigen Entwicklung mit seinen drei Grunddimensionen ist eine ökologisch-soziale Marktwirtschaft. Diese nutzt den Markt als effektivstes Mittel zur Schaffung von Wohlstand.“

Paul Kirchhoff: „Freiheit hat Voraussetzungen. Kaum eine Freiheit kann ohne Eigentum ausgeübt werden. Wer leben will, muss sich ernähren...
Die Fähigkeit und der Wille zur Freiheit jedes Menschen ist der staatlichen Rechtsordnung vorgegeben. Aus dieser vorgefundenen Freiheit wird jedoch erst eine rechtlich geschützte Freiheit, wenn die staatliche Rechtsordnung die jeweilige Freiheit bestätigt und verdeutlicht, mit Rechtsverbindlichkeiten ausstattet und mit einem Schutzinstrumentarium versieht. Montesquieu lehrt uns - am Beispiel des Untergangs des Römischen Reiches - zu Recht, dass Aufstieg oder Fall eines Gemeinwesens ganz wesentlich davon abhängt, ob die Institutionen von Eigentum und Familie wirksam bleiben, und das erzieherische Band zwischen eigener Leistung und Einkommen nicht untergeht. Rom sei in die Krise geraten, als der Einzelne nicht mehr auf die Sicherungsfunktionen der Familie angewiesen gewesen sei, weil die Römer sich aus der Beute ihrer Eroberungskriege finanzierten, und die Massen kostenlos mit Brot und Spielen versorgten. Wir müssen uns heute die vorsichtige Frage stellen, ob die Entwicklung des modernen Eigentumsrechts weg vom Verantwortungseigentum nicht ähnliche Warnsignale in der Frühform von Aufstieg und Untergang enthält.“ „Ein Freiheitlicher Staat gibt grundsätzlich die Arbeitskraft (Berufsfreiheit) und das ertragsfähige Kapital (Eigentümerfreiheit) in private Hand und ist deshalb darauf verwiesen, sich durch Teilhabe am Erfolg privaten Wirtschaftens, durch Steuern zu finanzieren. Die Steuern sind der verlässliche Ausweis für eine von Wirtschaftsfreiheiten geprägte Staatsverfassung. Die Steuer ist die notwendige Folge der Eigentümer- und Berufsfreiheit.“

Europa
Mit einer Bevölkerung von 373 Millionen Menschen ist die Europäische Union mit ihren derzeit 15 Mitgliedstaaten nicht nur der größte Binnenmarkt, sondern auch die größte Handelsmacht der Welt. Der EU- Anteil, am Welthandel beträgt 18,4% (USA 15,4%, Japan 8,5%). Der Einfuhrüberschuss von land- und ernährungswirtschaftlichen Erzeugnissen beträgt 11,9 Milliarden Euro.
Im Jahre 2001 importierte die EU aus den Entwicklungsländern 43,9 Milliarden der Agrargüter im Wert von 43,9 Milliarden Euro für 22,4 Milliarden Euro exportierte sie in diese Länder.
Für die Entwicklungs- und Schwellenländer ist die Europäische Union im Internationalen Vergleich der offenste Absatzmarkt. Denn sie liefern nach Europa zollfrei oder zu niedrigen Zollsätzen mehr Agrarprodukte als die USA, Kanada, Australien und Neuseeland zusammen. Europa wird nicht größer, sondern schreitet voran auf dem Wege der Vollendung. Europa muss selbst bestimmen, wo seine Grenzen liegen. Das Europa der europäischen Union braucht entschlossene institutionelle Reformen, also solche, die sicher stellen, das dieses Europa handlungsfähig bleibt und regiert werden kann.
Europäische Wurzeln: griechischer Geist, römisches Recht, Christentum und Judentum, Humanismus und Aufklärung.
Die europäische Union ist weltanschaulich neutral, aber nicht werteneutral. Die europäische Union ist geprägt vom europäischen Menschenbild, und dieses gründet im Christentum und in der Aufklärung. Hier liegen die unaufgebbaren Wurzeln der unantastbaren Menschenwürde, der Menschenrechte, der rechtsstaatlichen Demokratie.
Das demokratische Europa ist ein föderales Europa. Die Fundamente sind die Städte Gemeinden und Kreise. Dann kommen die Länder, Regionen oder Kantone. Es folgen der Bund, dann Europa.
Das ursprüngliche Recht liegt bei der je kleineren Einheit. Die EU braucht nicht viele Kompetenzen, sondern die richtigen Kompetenzen – z.B. Außen- und Sicherheitspolitik, Außenhandelspolitik und Währungsunion
Wenn Europa nur eine Zustimmung von 40 % der Bevölkerung erhält, dann liegt das am übertriebenen Zentralismus, es liegt wohl auch am Demokratiedefizit. Einen ordnungspolischen Rahmen für die Agrarpolitik.

Landwirtschaft
Die Bewahrung der Schöpfung ist Auftrag und Verpflichtung. Die persönliche Verantwortung des Menschen ist eine schöpfungsbedingte Verpflichtung. Jede Generation hat ein Recht auf die Chance der nachhaltigen Entwicklung. Und jede Generation muss sie schöpferisch nutzen und verantworten. Der großen Verantwortung, Nahrungsmittel und Rohstoffe zu erzeugen, die natürlichen Ressourcen soweit wie möglich zu schonen, die Kulturlandschaft zu pflegen, kann nur derjenige gerecht werden, der eigenverantwortlich handelt.

Ein breit gestreutes Eigentum ist förderlich für einen verantwortlichen Umgang mit der Natur. Damit ist etwas wichtiges ausgesagt: bäuerliche Landwirtschaft.

Die europäische Kulturlandschaft ist eine bewirtschaftete Kulturlandschaft. Landwirte, Forstwirte, Teichwirte, Winzer und Gärtner tragen dazu bei. Die flächendeckende, umweltgerechte Landbewirtschaftung ist eine verantwortungsvolle Aufgabe. Für diese Aufgaben braucht die Landwirtschaft klare Perspektiven. In ihr sollen die nachhaltige Leistungsfähigkeit des Naturhaushaltes, die Existenzsicherung der bäuerlichen Agrarstrukturen sowie die kulturellen und sozialen Eigenständigkeiten der ländlichen Regionen erkennbar sein.

Eine nachhaltige und wirtschaftlich tragfähige Landbewirtschaftung, Erhalt einer bodengebundenen, umwelt- und tiergerechten Land- und Forstwirtschaft als Garant für eine naturverträgliche Nutzung, Unterstützung und Förderung nachwachsender natürlicher Ressourcen, ein klares Bekenntnis zum Eigentum als Garant für eine auf Dauer nachhaltige Bewirtschaftung des ländlichen Raumes, ein konstruktiver Dialog von Wissenschaft, Praxis und Politik.

Ökologischer Landbau
Die Zahl der ökologisch wirtschaftenden Betriebe lag in 2000 bei 12.740 Betrieben; sie bewirtschafteten 546.000 Hektar. Dies waren rund 3% der Betriebe und 3,2% der Fläche.
Wir können heute von rund 15.000 Betrieben und 4% Flächenanteil ausgehen. Der Arbeitskräfteeinsatz liegt gut 10% über dem Niveau der konventionellen Vergleichsbetriebe, der Gewinn liegt generell unter dem Durchschnittsgewinn der konventionellen Haupterwerbsbetriebe. Die Marktanteile betragen in Dänemark 2,5 bis 3%, in der Schweiz 2,5%, wir liegen damit in Europa vorn.
1,3% der Haushalte geben mehr als 50% ihres Lebensmittelbudgets für Bionahrungsmittel aus und dabei liegen Obst und Gemüse vorn. Ökolandbau bietet eine Perspektive dynamischer Aufwärtsentwicklung, der seinen Weg nicht hauptsächlich über ein entsprechendes Ordnungsrecht sucht auch nicht über ein System wirtschaftlicher Anreize, sondern über den Markt, denn er eröffnet Räume für unternehmerische Initiative zur wirtschaftlichen Ergebnisverbesserung aller Art. Empfehlung: Ökologisch wirtschaftende Betriebe in regionale Vermarktungskonzepte und ökologische Lebensmittel in regionale Produktangebote integrieren. Die Landwirtschaft in der Europäischen Union ist noch immer von überwiegend kleinstrukturierten Betrieben geprägt. Die insgesamt 6,77 Millionen Unternehmen bewirtschaften eine Fläche von rund 126,79 Millionen Hektar damit entfallen auf jeden EU-Betrieb im Schnitt 18,7 Hektar. Die Spanne reicht von 4,4 Hektar in Griechenland bis zu 67,7 Hektar in Großbritannien. Deutschland: 36,3 Hektar pro Betrieb, Frankreich 42 Hektar.
3% der Unternehmen verfügen bei mehr als 100 Hektar in Deutschland 5% in Großbritannien 17%.
3% der Betriebe werden in Form einer juristischen Person geführt, 96% in der Hand natürlicher Personen.
Auf Gruppenbetriebe, die hauptsächlich in Ostdeutschland und Frankreich zu finden sind, entfällt lediglich ein Anteil von 1%. (...)

Heimat
ist eine der mächtigsten menschlichen Wirklichkeiten. Heimat ist nicht der Traum von der guten alten Zeit, sondern eine prägende Kraft. Heimat bedeutet ein Leben aus geistigen Kräften der Kultur, der Geborgenheit und der Verbundenheit. Die geistige Schaffenskraft erwächst aus dieser Bindung an Heimat.
Heimat ist nicht eng, sondern weit. Heimat schließt nicht ab. Heimat kann man nicht konsumieren, sondern sie muss erlebt und gelebt werden. Heimat will begehrt, gestaltet und vererbt werden. Je mehr die Welt zusammen wächst, um so wichtiger ist die Heimat. Je stärker wir von weltweiten Entwicklungen betroffen werden, jeder einzelne von uns, desto wichtiger ist unsere Verwurzelung zu Hause. Die Welt steht uns offen. Aber gerade deswegen brauchen wir ein Zuhause. Unsere Heimat ist ein Teil der Welt. Sie ist etwas, was uns einen Platz in dieser Welt verschafft. Heimat hält den Blick auf die Welt frei. Auf dieses Heimatbewusstsein ist Sachsen, Deutschland und Europa angewiesen.

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