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Dem Erreger auf der Spur
Trotz jahrelanger Forschungsanstrengungen ist es noch nicht gelungen, den Ursprung von BSE zu klären. Jetzt sollen auch bislang verfemte Hypothesen geprüft werden.
Pressemitteilung vom 08.03.2001


Der Stern 7/2000 schreibt: Einst wurde er nur verspottet – vergangene Woche aber erfuhr Mark Purdey von einem Londoner Parlamentsabgeordneten, dass er einen Forschungsauftrag an der Universität Reading erhalten soll, dotiert mit umgerechnet 1,5 Millionen Mark. Späte Genugtuung für einen Öko-Bauern und ehemaligen Zoologiestudenten. Denn der Farmer aus Somerset ist der Star der alternativen BSE-Szene. „Niemand hat bislang die Ursache von BSE erforscht“, sagt er, „alle stochern im Nebel. Doch jeder behauptet, dass meine Theorie Quatsch ist“. Purdey glaubt, dass ein in Großbritannien verwendetes Schädlingsbekämpfungsmittel zur Epidemie geführt hat. Mit „Phosmet“ wurden Rinder geduscht und eingerieben, um sie vor dem Befall durch Dasselfliegen zu schützen. Diese Insekten legen ihre Eier unter die Haut der Wiederkäuer. Wandernde Larven verursachen den Tieren dann schlimme Schmerzen. Zudem durchlöchern sie die Haut und machen sie so für die Lederindustrie unbrauchbar.
Schon in den frühen 80er Jahren kämpfte Purdey gegen die in England und Wales vorgeschriebene Verwendung von Phosmet. Als BSE aufkam, beobachtete der britische Bauer bei den betroffenen Kühen ähnliche Symptome wie bei einer Phosmet-Vergiftung. Fortan hielt Purdey das Pestizid für den BSE-Auslöser, doch er fand in der Fachwelt und bei den Behörden wenig Anklang. Der Hobbyforscher aber ließ nicht locker und sammelte weiter Indizien für seine Vermutung. Seine These gehört bis heute zu den wenigen Erklärungsversuchen für die Seuche, die noch nicht widerlegt werden konnten. Seit 1986 der erste BSE-Fall in Großbritannien bestätigt wurde, rätseln Forscher, was die Ursache dieser neuen tödlichen Erkrankung unter Rindern sein könnte. Bis jetzt ist es nicht gelungen, eine befriedigende Antwort zu geben. Fest steht bislang nur so viel: Bestimmte körpereigene Eiweiße, so genannte Prionen, spielen eine zentrale Rolle. Wechseln sie von einer gesunden in eine entartete Form – wodurch auch immer - können sie sich in Nervenzellen ablagern und sie zerstören.
Eine Mehrheit der Forscher hält inzwischen die entarteten Prionen selbst für die Erreger von BSE. Denn prionhaltiges Gewebe, das entweder verfüttert oder aber direkt ins Zentralnervensystem gespritzt wurde, löste den tödlichen Zerfall aus. So konnte inzwischen für neunzehn Säugetieren nachgewiesen werden, dass sie sich mit BSE oder einer verwandten Krankheit wie etwa der Schafseuche Scrapie anstecken können. Für die vom amerikanischen Nobelpreisträger Stanley Prusiner aufgestellte Prionenhypothese spricht auch die extreme Widerstandsfähigkeit der Prionen, über die herkömmliche Krankheitserreger wie Viren und Bakterien so nicht verfügen. Erhitzen auf über 100 Grad, desinfizierten Chemikalien wie Formalin, Bestrahlung mit UV-Licht oder gar Radioaktivität – der BSE-Erreger übersteht jede dieser Behandlungen.
Dennoch kann bislang kein Forscher sagen, was tatsächlich die Entartung des Prion-Proteins auslöst. Deshalb gibt es schon seit einigen Jahren alternative Hypothesen über den Ursprung von BSE. Die von der britischen Regierung beauftragte unabhängige Expertenkommission, die im vergangenen Oktober ihren Abschlussbericht veröffentlichte, prüfte diese Ansätze und wählte jene als besonders bedenkenswert aus, die Prionen eine zentrale Rolle zuschreiben - denn die wenigstens ist unstrittig.
Inzwischen glauben auch internationale Experten wie die Schweizer Molekularbiologen Markus Moser und Bruno Oesch, dass Phosmet die Entstehung von BSE begünstigt haben könnte. Bereits vor vier Jahren hatte der britische Forscher Stephan Whatley an Zellkulturen zeigen können, dass Phosmet Prion-Protein an den Zelloberflächen anreicherte. Moser, der mit seinem Kollegen Oesch den bislang zuverlässigsten Prionentest entwickelt hat: „Das hätte hellhörig machen sollen.“

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