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„In Schulbüchern steht viel Unsinn über die DDR" IM GESPRÄCH MARIANNE BIRTHLER
Pressemitteilung vom 01.03.2007


Die Bundesbeauftragte für die Stasi-Unterlagen warnt vor einem falschen Geschichtsbild: Die DDR könne man nicht in einer Art „ostdeutscher Heimatkunde" erklären. Sie ginge West- und Ostdeutsche gleichermaßen an.

Junge Leute, die heute in der Schule etwas über die deutsche Geschichte lernen, haben keine eigene Erinnerung an die DDR. Deshalb findet es die Stasi-Beauftragte Marianne Birthler umso wichtiger, daß ihnen ein möglichst genaues Bild der Vergangenheit vermittelt werde. Was aber in vielen deutschen Schulbüchern stehe, sei „unzureichend": „Einige heute noch verwendete Werke stammen sogar noch aus der Zeit vor dem Mauerfall, in anderen wird die Rolle der Stasi und der SED nur sehr dürftig oder fehlerhaft behandelt", kritisiert sie.

„Ich würde mir wünschen, daß alle, die mit der Erarbeitung von Schulbüchern und Lehrplänen zu tun haben, die große Chance erkennen, die in einer guten Darstellung der DDR-Geschichte liegt", betont Birthler. In der DDR hätten viele Menschen für demokratische Freiheiten gekämpft und der Versuchung widerstanden, dem Regime zu dienen. Die Geschichte der friedlichen Revolution sei überdies ein Beispiel für gelebte demokratische Tugenden und Zivilcourage. Dies den Kindern zu vermitteln, sei wichtig für die demokratische Kultur.

Birthler, die in Hannover vor dem Institut der Norddeutschen Wirtschaft über die Besonderheiten ihrer Arbeit referiert hat, verweist auf das Beispiel der Stasi-Zuträgerschaft: Weniger als zwei Prozent der DDR-Bürger hätten mit der Geheimpolizei zusammengearbeitet. „Die meisten sind davon überrascht, weil sie einen höheren Anteil erwartet hatten", sagt die Beauftragte. Der Irrtum liege zum einen daran, daß in der DDR das Gefühl, überwacht zu werden, besonders ausgeprägt gewesen sei. Zum anderen täten viele der mit dem SED-Staat Verstrickten heute so, als habe Stasi-Mitarbeit zum guten Ton gehört. „Das ist verkehrt", betont Birthler und nennt noch eine andere Zahl: Jeder zweite von denen, die von der Stasi angeworben werden sollten, hat die Zuträgerschaft verweigert. „Dazu gehörte oft viel Zivilcourage."

Die 59jährige Birthler, die seit sieben Jahren die Stasi-Unterlagen-Behörde leitet, berichtet von einer überraschend hohen Nachfrage nach Akteneinsicht. Allein 2006 habe ihre Behörde 97 000 Anträge erhalten - 20 Prozent mehr als im Jahr zuvor. Vielleicht liege das am Erfolg des Kinofilmes „Das Leben der anderen". Wichtig sei die Zugänglichkeit der Akten nicht nur für die Opfer der Stasi. Es gehe auch darum, ein Klima von Verdächtigungen und Mutmaßungen zu vermeiden. Die Unterlagen des Geheimdienstes böten auch ein Bild davon, wie die Lebensverhältnisse in der DDR waren und wie es um die Stimmung in der Bevölkerung bestellt gewesen sei.

Birthlers Behörde ist auch damit beschäftigt, die von der Stasi 1989 zerrissenen und in Müllsäcke verstauten Akten wieder zusammenzusetzen - häufig sind darin besonders brisante Informationen enthalten. Den Inhalt von 300 Säcken hat man schon rekonstruiert, weitere 16 000 Säcke allerdings stehen noch in den Kellern der Behörde. „Das bleibt eine wichtige Aufgabe", betont die Beauftragte.

Gleichzeitig ist die frühere Grünen-Politikerin als Mahnerin und Aufklärerin unterwegs, so auch in Hannover. Sie warnt davor, zum Beispiel jenen früheren Stasi-Mitarbeitern zu glauben, die von sich behaupten, mit ihren Spitzelberichten niemandem geschadet zu haben. „Alles, was die Stasi über einen Menschen erfahren hat, auch scheinbar Belangloses, wollte und konnte sie gegen ihn nutzen."

Autor: Klaus Wallbaum in der HAZ

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