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Die Ausrottung einer Klasse
Buchbesprechung: Manfred Thiele: Flucht ohne Ende. Bürgerverluste der Stadt Mühlhausen von 1945-1961. Eigenverlag, Mühlhausen 2006, gebunden, 296 Seiten, 19 Euro
Pressemitteilung vom 01.03.2007


Der Ständesaal des Kreishauses im thüringischen Mühlhausen war am 30. November 2006 bis auf den letzten Platz besetzt, als der 77jährige Manfred Thiele sein neues Buch „Flucht ohne Ende“ vorstellte. Der nüchterne Untertitel dieses Buches „Bürgerverluste der Stadt Mühlhausen von 1945-1961“ ist eine Untertreibung dessen, was der unermüdlich forschende Autor seinen Lesern tatsächlich anbietet: Es geht um nichts weniger als um die Ausrottung und Vertreibung des Bürgertums einer mitteldeutschen Kreisstadt durch die Besatzungsmacht, durchgeführt mit unvorstellbarer Grausamkeit und bis heute wissenschaftlich kaum aufgearbeitet.

Die etwa siebzig Zuhörer im Saal, die fast atemlos dem lauschten, was der Autor vorzutragen hatte, waren überlebende Zeitzeugen, die nach dem Zweiten Weltkrieg für Jahre in sowjetische Straflager verschleppt oder bis 1961 aus ihrer Heimatstadt nach Westdeutschland geflohen waren. Sie dürften die letzten Reste des Bürgertums dieser einst stolzen und mächtigen Reichsstadt (1251-1802) gewesen sein, dessen sich Besatzungsmacht und SED-Staat im „Klassenkampf“ zu entledigen suchten.

Man kann dieses Buch des Grauens nicht wie einen Roman abends vorm Einschlafen lesen, nach jeder Seite muß man entsetzt einhalten, man findet nachts keine Ruhe mehr und braucht Tage, um zu verarbeiten, was man gelesen hat. In der SED-Geschichtsschreibung werden die Nachkriegsjahre bis zur DDR-Gründung 1949 als „antifaschistisch-demokratische Umwälzung“ geführt. Thieles Buch dagegen ist Geschichtsschreibung von unten, aus der Sicht der Opfer, nicht der Täter, die bis 1989 auch über die Deutungshoheit der DDR-Geschichte verfügten und die Archive, in denen der Autor die hier beschriebenen Verbrechen dokumentiert fand, 44 Jahre lang streng verschlossen hielten.

Als am 4. Juli 1945 die US-amerikanischen Truppen das Land Thüringen der Roten Armee übergaben, begann für die wehrlose Bevölkerung ein „Zustand völliger Rechtlosigkeit“, verbunden mit der ständigen „Angst, vergewaltigt, umgebracht oder verschleppt zu werden“. Bis zum Jahresende 1945 wurden im Stadt- und Landkreis Mühlhausen 44 Männer, sieben Frauen und ein Kind auf offener Straße ermordet. Im Dorf Küllstedt wurden sieben Männer vor den Augen ihrer Nachbarn durch Genickschuß getötet. Auf die Morde hinter verschlossenen Türen verweist heute eine Gedenktafel am ehemaligen NKWD-Gefängnis am Untermarkt, einer „Stätte des Grauens, der Folter und des Todes“.

Die politische Verfolgung unbescholtener Bürger führte zu einer gewaltigen Fluchtbewegung nach Westdeutschland, Thiele zählt fünfzehn Beweggründe auf, sich durch Flucht den „anhaltenden Willkürakten“ zu entziehen. Im vierten Kapitel bietet er unter dem Titel „Eine Stadt versinkt in Angst und Schrecken“ seinen Lesern eine blutige Chronik der Jahre 1945/49, die im fünften Kapitel für die Jahre 1950/61 fortgesetzt wird. Da liest man dann Berichte noch lebender Zeugen wie: „Am 29. Oktober zertrümmerten Rotarmisten in der Stadt dem Kraftfahrer Herbert Arnold den Schädel.“ Oder: „Am 17. November wurde das 18jährige Stationsmädchen vom Städtischen Krankenhaus, Helga Laude, kurz vor Mitternacht von Rotarmisten erschlagen. Das Mädchen starb an inneren Blutungen.“

Oder: „Am 14. Dezember schlugen randalierende Russen dem Gastwirt Karl Bäumler den Schädel ein“. Es sind immer die Einzelschicksale, die den nachgeborenen Leser dieses Buches tief berühren - Totenlisten, in denen das Unglück der Betroffenen nicht verzeichnet ist, sind kaum mehr als Statistik. So berichtet Thiele beispielsweise über den Schauprozeß 1952 vor dem Landgericht Mühlhausen gegen die Bergleute Johannes Muras und Ernst Wilhelm, der am 17. Mai mit dem Todesurteil endete, worauf die Verurteilten am 6. September in Dresden geköpft wurden. Bei einer Auseinandersetzung am 30. April in einer Dorfwirtschaft, in welche die beiden Bergleute verwickelt waren, hatte der Schachtwart Alfred Sobik einen tödlichen Herzanfall erlitten. Von der DDR-Justiz wurde dies als politischer „Mord“ bewertet, weshalb auch die berüchtigte DDR-Justizministerin Hilde Benjamin (1902-1989) aus Ost-Berlin angereist war. Da beide Bergleute CDU-Mitglieder waren, eignete sich der Schauprozeß vorzüglich zur Einschüchterung der „bürgerlichen“ Blockparteien.

Ein weiterer Fall ist der des Arztes Wolfgang Raeschke. Als letzter Sohn einer angesehenen Arztfamilie - drei Brüder waren im Krieg gefallen - siedelte er 1951 aus Westdeutschland, wo er studiert hatte, nach Mühlhausen über, um, wie ihm versprochen worden war, die Praxis seines Vaters Georg Raeschke zu übernehmen. Das Versprechen wurde schamlos gebrochen, die sechs Kinder des Arztes, überzeugte Christen wie er selbst, hätten niemals studieren dürfen. Am Vorabend seiner Flucht nach West-Berlin, am 16. Mai 1959, schilderte er in einem mutigen Brief an den Rat des Bezirks Erfurt seine Beweggründe und gab einen ernüchternden Einblick in das DDR-Gesundheitswesen. Daß dieser Brief, der allein in der Druckfassung mehr als vier Seiten umfaßt, hier ungekürzt abgedruckt ist, ist auch das große Verdienst Manfred Thieles.

Auch dem in Mühlhausen beliebten Tierarzt Oskar Großklaus, der schon im NS-Staat Widerstand geleistet hatte und vom SED-Regime 1955 ins Gefängnis gesperrt wurde, wo er einen Schlaganfall erlitt, hat er ein ehrendes Denkmal gesetzt. Und nicht ausgelassen hat er auch die kriminellen Aktivitäten der „herrschenden Klasse“: So berichtet er, wie zwei Staatsanwälte die Ehefrauen Verurteilter, die um Hafterleichterung für ihre Männer gebeten hatten, zum Beischlaf zwingen wollten.

Mit dem Jahr 1961 war die Vernichtung des Bürgertums in Mühlhausen fast abgeschlossen, wer vor dem Mauerbau nicht geflohen war, hatte sich jetzt bedingungslos anzupassen. Thiele beschreibt diesen Vorgang so: „So wurde das Jahr 1961 zum Tiefpunkt in der Geschichte der Stadt Mühlhausen. Selten sind so viele bittere Tränen in ihren Mauern geweint worden. Es war der Untergang einer bürgerlichen Kultur, die sich trotz zweier Weltkriege über Jahrhunderte hinweg auf bemerkenswerte Weise gehalten hatte und die nun endete.“

Ein besonders schlimmes Kapitel in der Stadtgeschichte darf nicht unerwähnt bleiben: Es geht um die äußerst aggressive „Werbung“ für den Einsatz Hunderter junger Männer in der Wismut-Förderung, die 1946 einsetzte und von der jede mitteldeutsche Stadt betroffen war. In Wirklichkeit handelte es sich um schwer gesundheitsschädliche Zwangsarbeit unter Tage zur Gewinnung von Uran im Erzgebirge, was dringend zur Produktion sowjetischer Atombomben benötigt wurde. Der Schriftsteller und ehemalige Bergmann Werner Bräunig hat über dieses Thema den 700 Seiten starken Roman „Rummelplatz“ geschrieben, der 1965 im Manuskript verboten wurde und im März 2007 im Berliner Aufbau-Verlag erscheint.

Ein hoher Prozentsatz der damals im Arbeitsamt Mühlhausen „angeworbenen“, in Wirklichkeit zwangsverpflichteten Arbeiter kamen 1952 mit der Schneeberger Krankheit zurück und starben qualvoll an Lungenkrebs.

Dieses für die DDR-Forschung und für die Geschichte Mühlhausens ungemein wichtige und ergiebige Buch kann man mit einer Rezension nicht ausschöpfen, man muß es lesen. Thiele ist kein Fachhistoriker, folglich ist er ständig Anfeindungen ausgesetzt, weil er, der nach 1945 selbst zweimal verhaftet war, die Nachtseiten der deutschen Teilungsgeschichte aufarbeitet. In der Vorbemerkung zu seinem Buch schreibt er, daß Fachhistoriker, die ihm bei der Quellensuche geholfen haben, heute „auf geradezu brüskierende Weise schweigen“.

Und er fährt fort: „Weil sie diesen Teil deutscher Geschichte so nicht wahrhaben wollen? Oder weil es sich ihrer Meinung nach nicht gebührt, neben das NS-Massenverbrechen nun das Massenverbrechen des Kommunismus zu stellen?“

Autor: Jörg-Bernhard Bilke

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