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Energiepolitik Schweden will das erste ölfreie Land werden
Pressemitteilung vom 16.02.2006


Die schwedische Ministerin für nachhaltige Entwicklung, Monika Sahlin, hat angekündigt, Schweden wolle bis zum Jahr 2020 die erste "ölfreie Wirtschaft der Welt" werden. Ein Ausschuß, dem Industrielle, Wissenschaftler, Beamte, Autobauer und Landwirte angehören, werde dem Parlament in Stockholm "in einigen Monaten" Vorschläge vorlegen - also kurz vor der nächsten Parlamentswahl, die nach Umfragen der letzten Monate einen Regierungswechsel und damit auch eine veränderte Energiepolitik bringen dürfte.

Bisher ist das Vorhaben, das Ministerpräsident Göran Persson schon im Vorjahr in Aussicht stellte, wenig konkret. Es stieß aber zumindest außerhalb Schwedens auf einige Beachtung. Schweden wolle, sagt Sahlin, mit diesem ehrgeizigen Plan reagieren auf die Klimaänderung, auf steigende Benzinpreise und auf schwindende Ölreserven und damit zum Energie-Modell der Welt werden.

Wenig für erneuerbare Energien getan
Skeptiker verweisen darauf, daß Schweden zwar dank der Wasserkraft einen hohen Anteil erneuerbarer Energie besitzt, anders als Dänemark aber wenig für andere erneuerbare Energien tat, auf die Sahlin nun setzen will. Das sehe man etwa bei Autos. Im Jahr 2004 hatte zum Beispiel Argentinien 1,4 Millionen gasbetriebene Autos, Pakistan 700.000, und selbst in Armenien gab es 38.000. In Schweden aber fuhren nur 5298 der vier Millionen Autos mit Gas oder alternativen Energien, darunter 2945 Benzinautos mit Äthanolbeimischung. Beiläufige Äußerungen Sahlins deuten darauf hin, daß sie nicht damit rechnet, daß Autos in Schweden "ganz" ohne Benzin auskommen könnten - schon das widerspricht ihren Ankündigungen.
Schweden hängt dank der Wasserkraft weniger stark von fossilen Brennstoffen ab als viele andere Länder. Zwischen 27 und 32 Prozent - die Statistiken schwanken - des schwedischen Energiebedarfs wird derzeit vom Öl gedeckt; 1970 zu Beginn der ersten internationalen Benzinpreiskrise waren es noch 77 Prozent. Öl wird vor allem für den Transportbedarf eingesetzt. Der Strom wird je zur Hälfte durch Wasserenergie erzeugt und durch die Kernkraft: Der Anteil von 49 Prozent Atomenergie zur Stromerzeugung ist einer der höchsten Anteile in der EU. Die Kernenergie sollte nach einer Volksabstimmung im Jahr 1980 bis zum Jahr 2010 abgeschaltet werden. Vor zwei Jahren beschloß das Parlament indessen einen Ausstieg "in den nächsten 30 bis 40 Jahren". Schweden will keine neuen Reaktoren bauen, die bestehenden aber besser nutzen und so deren Kapazität deutlich erhöhen. Die Abschaltung des Reaktors Barsebäck bei Malmö im Vorjahr hatte außenpolitische, nicht energiepolitische Gründe. Finnland kritisiert die schwedische Atompolitik als doppelzüngig, weil es einerseits einen Ausstieg anstrebe und andererseits Finnland wegen des Neubaus eines Reaktors kritisiere.
Wegen des Widerstands der mit der sozialdemokratischen Minderheitsregierung verbündeten Umweltpartei aber baue es kaum neue Kraftwerke und wolle statt dessen über eine Strombrücke mehr Atomstrom vom Nachbarn Finnland importieren.

Den Dänen hinterher
Seit dem Vorjahr beginnt Schweden in einer Wende seiner Energiepolitik Dänemark zu folgen, das weder Kernkraftwerke besitzt noch Wasserkraft, aber neben Erdgas seit vielen Jahren stark auf die Entwicklung erneuerbarer Energie wie Windenergie und Biogas setzt. Da Schweden reichhaltige Wasserquellen und viel Regen hat, wüchsen genügend Bäume und Getreideprodukte, die für eine Umwandlung in Bioenergie genutzt werden könnten, meint Persson. Bei den Plänen drehe sich "alles um Wasser". Dänemark erzeugt 18,8 Prozent seiner Energie aus Windkraft, Schweden derzeit 0,6 Prozent. In den nächsten drei bis vier Jahren wollen in Schweden aktive Stromerzeuger, vor allem Vattenfall und Eon, etwa 30 Windparks vor der Küste bauen, die zusammen allerdings auch nur einen verschwindenden Anteil am schwedischen Energieverbrauch brächten.
Zudem nennen Beamte in Stockholm als Ziele die Ausnutzung von Wellenkraft (wobei die Ostsee als ruhiges Gewässer gilt) und Bioenergie aus Abfällen des Forstes - wobei nach dem Orkan zu Beginn vergangenen Jahres Forstbesitzer in Südschweden derzeit eher auf Aufforstung als auf Abbau zielen müßten. Beim Biogas hofft Stockholm, die beiden schwedischen Autohersteller Volvo und Saab zur verstärkten Forschung für neue Motoren zu bewegen. In Nyköping fährt ein lokaler Zug seit einigen Monaten eine kurze Strecke mit Biogas. Eine deutliche Steigerung erfuhr in jüngster Zeit die Nutzung der Erdwärme - viele Siedlungen ergänzen ihren Strombezug durch Leitungen, die nahe ihren Häusern in die Tiefe gebohrt werden.

Größte Änderung in aller Stille
Die größte Änderung der schwedischen Energiepolitik der letzten Zeit geschah in aller Stille: Schweden setzt künftig stärker auf Erdgas und folgt damit anderen EU-Staaten. Bisher trägt Erdgas in Schweden nur 1,5 Prozent zum Energieverbrauch bei, während die Niederlande 47 Prozent und Großbritannien 37 Prozent seines Energieverbrauchs aus Erdgas bezieht. Russische, finnische, norwegische, deutsche und schwedische Gasfirmen bereiten den Bau von drei Leitungen vor, darunter eine aus Rostock nach Trelleborg. Schweden denkt auch an eine Abzweigung von der geplanten Erdgaspipeline, die durch die Ostsee russisches Erdgas nach Deutschland befördern soll. Wenn Schweden diese Erweiterung seiner Energieversorgung in wenigen Jahren erzielt haben wird, kommt es zwar dem (von Kritikern als politische Rhetorik bezeichneten) Ziel der Regierung näher, die Abhängigkeit von Öl abzubauen. Statt dessen aber steigt die Abhängigkeit von einem anderen fossilen Brennstoff, der ebenso zum Kohlendioxydausstoß und zur Klimaänderung beiträgt.

Quelle: AP, DPA

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