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Frau Künast und der Massenmord
Von Franz Josef Wagner


01.02.2001

Der Vogel frisst den Wurm, das Schaf das Gras, der Wolf das Schaf. So weit, so gut. Ich aber habe gerade eine Fliege erschlagen. Klatsch, da lag der Quälgeist. Fände sich nun ein Anwalt, der die Rechte der Fliege vertritt, würde er mich wegen Mordes belangen. Ich tötete die Fliege nicht aus akutem Hunger, sondern weil sie mich beim Schreiben der Kolumne störte. Dies ist ein niedriger Beweggrund. Ich töte ja auch nicht meinen Nachbarn, weil er mich mit seinem Black & Decker-Bohrer nervt. In dieser Kolumne will ich über das Töten nachdenken. Wenn die Fliege ein Lebewesen ist, dann ist es auch das Rind. Der Mensch, der ich in diesen Tagen nicht sein möchte, ist eine junge Frau. Einmal fuhr Renate Künast auf Inlinern an mir vorbei, eine Großstadtpflanze, Single mit kurzem Haar. Sie muss nun in dieser Woche entscheiden, ob die Bundesrepublik an der geplanten Massenschlachtung von zwei Millionen Rindern teilnimmt, davon 400.000 aus Deutschland. Es sind Wesen mit Augen, die in die Welt schauen. Sie brüllen, wenn sie fühlen, wenn der Tod kommt. Heute mit der Injektionsspritze, früher mit dem Bolzenschuss. Neulich sagte ein Dichter zu mir, er würde gerne das Tagebuch der Tiere schreiben. Der Löwe als Hemingway, der Elefant als Goethe. Und das Rind als Nietzsche. Unsere Tierliebe ist krank. Renate Künast und ich leben in Berlin, wie gesagt, zwei Großstadtkinder. So viele von uns haben Kätzchen, Hündchen, Kanarienvögel, weil wir einsam sind. Würde jemand 400.000 Kätzchen töten wollen, das Land würde brennen. Aber die Kuh hat das Los der Fliege. Frau Künast, Sie Arme.

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