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Bei einer BSE-Erkrankung sind Warten und Hoffen gefährlich
Leipziger Wissenschaftler fordert konsequente Tötung der Herden – Körper kann Krankheit nicht erkennen


01.02.2001
Der erste BSE-Verdachtsfall in Sachsen hat die Menschen im Freistaat aufgeschreckt. Und er hat gezeigt, dass ein Mangel an Informationen jeder Spekulation Tür und Tor öffnet. „Freie Presse“ fragte den international renommierten Leipziger Virologen Prof. Dr. Hermann Müller nach den Hintergründen der Krankheit. Hartmut Petersohn hat die Antworten aufgeschrieben.

Freie Presse: Sachsens Landwirtschaftsminister hat sich gegen die Tötung ganzer Rinderherden ausgesprochen. Ist das der richtige Weg?

Hermann Müller: Ich bin dafür, dass man konsequent alle Tiere des Bestandes tötet. Aus zwei Gründen. Die Ansteckungszeiten sind nicht bekannt und es gibt keine Diagnosemöglichkeit am lebenden Tier, mit der eine Erkrankung nachgewiesen werden könnte.

Freie Presse: Aber die Infektionswege sind doch bekannt?

Hermann Müller: Bekannt ist die Infektion über den Verdauungstrakt durch die Nahrungsaufnahme. Ein anderer Weg, das ist nicht sicher nachgewiesen, könnte den Erreger über kleine Hautverletzungen in den Organismus eindringen lassen. Ein inzwischen gesicherter Übertragungsweg ist die Übertragung durch die Kuh auf das Kalb, die so genannte vertikale Übertragung, über Blutzellen. Auch das Blut ist als infektiös zu betrachten.

Freie Presse: Worin besteht der Unterschied zwischen einer Virusinfektion und BSE?

Hermann Müller: Der BSE-Erreger ist kein Virus sondern besteht nur aus einem Protein. Die Besonderheit ist, dass es ein räumlich umgewandeltes körpereigenes Protein ist. Darum kann es vom Körper auch nicht als fremd erkannt werden. So kann er seine Abwehrmechanismen nicht aktivieren.

Freie Presse:Das erschwert Diagnose und Therapie?

Hermann Müller: Therapien sind bei Virusinfektionen überhaupt sehr schwer möglich. Es gibt nur wenige Virusinfektionen, bei denen eine ursächliche Therapie möglich ist. In einzelnen Fällen bei den Herpes-Viren, die auch für den Menschen eine Bedeutung haben, und in gewissen Umfang auch bei HIV. Gegen eine BSE-Erkrankung, gegen die Prionen, gibt es im Augenblick keine Therapie. Ich habe auch keine Vorstellung, welches Therapiekonzept dafür entwickelt werden könnte. Es ist sehr schwierig. Es gibt auch keine zuverlässige Diagnostik, die auf den klassischen serologischen Methoden beruht. Es gibt die Ankündigung eines deutschen Pharma-Unternehmens, dass es einen Test geben wird. Aber seine Wirksamkeit ist noch nicht gesichert.

Freie Presse: Von Politikern wird auf einen Test an lebenden Tieren gedrungen.

Hermann Müller: Den gibt es nicht. Die Forderung ist unnütz, weil es keinen Test gibt.

Freie Presse: Kann BSE überhaupt bekämpft werden?

Hermann Müller:Wir wissen, dass der Erreger eine sehr lange Inkubationszeit hat. Das macht das Erkennen eines infizierten Tieres so schwierig. Und bei alle dem müssen wir die potenzielle Infektionsgefahr für den Menschen bedenken. Das erfordert konsequente Maßnahmen, die sich aus den klassischen Regeln der Tierseuchenbekämpfung ergeben. Die Ansteckungsquelle zu beseitigen, also alle infizierten Tiere oder die mit ihnen Kontakt hatten, zu töten – zu verbrennen. Das ist eine brutale Maßnahme, klingt schrecklich, ist aber in Hinblick auf die Besonderheit dieser Infektion die einzige Möglichkeit. Man darf keinesfalls warten und hoffen. Die Ansteckungsquelle muss rigoros beseitigt werden.

Freie Presse: Erstaunlich ist, dass gelegentlich Tiere erkranken oder auch nicht, die – mit Verlaub – aus dem gleichen Topf fressen.

Hermann Müller: Hund und Katze sind so ein erstaunliches Beispiel. Es gibt offensichtlich für den Erreger eine bestimmte Empfänglichkeit. Die Katze erkrankt, während beim Hund keine Infektionen bekannt geworden sind. Es ist eben außerordentlich schwierig, mit diesem Erreger umzugehen.

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