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Krise im Kuhstall – Ruhe am Stammtisch
Nervös und unruhig erwarten die Bauern
in Auligk auf den BSE-Befund – Sozialminister Hans Geisler
versuchte sich als Krisenmanager
Von Eva Passe, Freie Presse Chemnitz


25.01.2001

Auligk bei Leipzig. Es ist nichts bewiesen. Wir haben zurzeit nur einen Verdacht.“ Der Chef der Agrar GmbH & Co.KG Auligk, Dietmar Fritsch, hofft inständig, dass sich der BSE-Verdacht, der über seinem Betrieb schwebt, in Luft auflöst. Ich halte mich an dem Strohhalm fest“, sagt es, wohl wissend, dass ein BSE-Fall seinen erfolgreichen Betrieb völlig aus der Bahn werfen würde. Am Mittwoch hatte der Agrarbetrieb aus dem Landkreis Leipzig elf Kühe zur Schlachtung nach Jena geschickt. Weil sie kränkelten und ihre Milchleistung schwach war. Freitagnachmittag der Schock: BSE-Verdacht bei einer Kuh, fünf Jahre alt, in Auligk geboren und aufgezogen. Sie stand neben rund 300 weiteren Rindern in dem zum Betrieb gehörenden Milchviehstall Nöthnitz. Polizisten bewachen die Anlage rund um die Uhr. Im Hintergrund ist der Stall zu sehen, der erst Mitte der 90er Jahre umgebaut wurde. „Wir haben die Anlage völlig neu gestaltet, die Haltungsbedingungen verbessert“, sagt Fritsch. 1996 gewann das Unternehmen einen Landeswettbewerb, bei dem es um artgerechte Tierhaltung gegangen war. Nein, die Landwirte hätten sich nichts vorzuwerfen. Seinen Optimismus, dass das für heute oder morgen erwartete BSE-Ergebnis negativ ausfällt, hat Fritsch, weil der Betrieb bis auf Soja keine Futtermittel gekauft hat. Der Betrieb bewirtschafte 2900 Hektar Pachtland und setze als Kraftfutter Getreide ein, zudem Grünfutter, Heu und Stroh, alles aus eigenem Anbau. Der in sich geschlossene Betrieb ist mit 80 Beschäftigten einer der größten Arbeitgeber in der Region. Neben dem Milchviehbestand, aus dem die BSE-verdächtige Kuh stammt, hält der Betrieb rund 500 weitere Rinder in anderen Ställen. Diese verzweigte Unternehmensstruktur wirft erstmals in Deutschland die prekäre Frage auf: Müssen alle Rinder eines Betriebes getötet werden oder nur jene, die mit der BSE-Kuh in einem Stall standen? Die Entscheidung darüber ist nicht nur entscheidend für die Existenz des Betriebes in Nöthnitz, sondern zugleich wegweisend für alle anderen BSE-Fälle, die kommen könnten. Wie ernst die Lage bereits jetzt ist, da es nur einen BSE-Verdacht gibt, erkennt man daran, dass die gesamte Milch seit Freitag nicht in die Molkerei, sondern in die Gülle fließt. Das sind täglich 6000 Liter. Während Sachsens Agrarminister Steffen Flath (CDU) gestern auf der Grünen Woche die Wende der Agrarpolitik propagierte, versuchte sich Sozialminister Hans Geisler (CDU) derweil als Krisenmanager in Nöthnitz. Um wartenden Journalisten aus dem Wege zu gehen, reiste er inkognito an. Die Gespräche mit der Leitung des Betriebes fanden hinter verschlossenen Türen statt. Dass sie sehr hilfreich waren für die Landwirte, darf bezweifelt werden. Denn das, was Geisler dann doch noch kundtat, zeugte von wenig Fachkenntnis. Der BSE-Fall bringe vor allem eine emotionale Belastung für die Beschäftigten, die die Tiere seit Jahren füttern und melken, sagte Geisler. Wirtschaftlich sehe er kein so großes Problem. Die Bauern seien ja über die Tierseuchenkasse versichert. Diese werde, wenn es zur Schlachtung kommt, den Ausfall zahlen. Dass die Kasse nur einen Bruchteil dessen ersetzt, was ein neues Tier kostet, davon sprach der Sozialminister nicht. Will ein Betrieb Färsen kaufen, muss er rund 2000 Mark je Stück zahlen. Je Schlachtkuh erhält er aber nur 500 bis 700 Mark. Macht 1300 bis 1500 Mark Verlust pro Tier. Doch woher soll der Agrarbetrieb Augligk neue Tiere beziehen? Wer garantiert, dass fremde Tiere nicht den BSE-Erreger in sich tragen? Fragen über Fragen, auf die zu Antworten Geisler schwer fiel. Auch wenn nicht alle Tiere zur Schlachtung geführt werden ist der wirtschaftlicher Schaden immens. Denn es dauert etwa drei Jahre, ehe ein Betrieb eine Herde aus eigener Nachzucht neu aufgebaut hat. Im Klartext: Die Landwirte haben in diesem Bereich drei Jahre lang Kosten und keine Erlöse. Angesichts dieser Perspektive hätte sich Betriebschef Fritsch schon finanzielle Unterstützung gewünscht. Die blieb aber offenbar aus. Während angesichts der unsicheren Zukunft kaum einer der im Agrarbetrieb Beschäftigten noch sorglos schlafen kann, verstehen die Gäste in der benachbarten Dorf-Gaststätte die Aufregung nicht. Alle, die an diesem Mittwoch am Stammtisch sitzen, wollen nicht auf Rindfleisch verzichten. „BSE – der eigentliche Skandal ist, wie die Sache übertrieben wird“, schimpft Wilfried Hoffmann. „Ich esse Rindfleisch so lange ich denken kann. Warum sollte ich aufhören“, sagt er und beißt in eine Bockwurst. Als Verbraucher müsse man doch den Herstellern von Lebensmitteln vertrauen dürfen, sagt er. Dann vergleicht er die Rinderseuche BSE mit Autofahren: „Obwohl es zig Unfälle gibt und tausende Tode jährlich, denkt keiner daran, Autos abzuschaffen.

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