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Offener Brief an A. Göbel
Pressemitteilung vom 10.01.2008


Sehr geehrter Herr Göbel,

es ist zumindest schon mal gut zu wissen, daß Sie als 1976 geborener Jungspund kein „Stasi“ sein können und auch nicht „linksverseucht“ (Ihr Text) sind. Wie wir sind Sie aber offenbar ein Ossi, der nach der Wende nach Hessen gezogen ist dort seit 5 Jahren in einem bäuerlich geprägten Dorf lebt. Sie sprechen für eine „Interessengemeinschaft Wohndörfer statt Agrarsiedlungen“ und sind insofern agrarpolitisch schon etwas „vorbelastet“. Ungewöhnlich war allerdings, daß Sie weder Ihre Anschrift noch eine Telefonnummer angegeben haben, die angegebene Fax-Nummer war nicht frei geschaltet. Ihre Anschrift war nirgends bekannt. Erst durch eine Internetrecherche konnten wir Sie finden. Die Stasi-Fax-Vermutung war daher nicht ganz abwegig; denn es gibt diese „Stasistas“ offenbar noch immer. Sie hatten meinen Internet-Aufruf, sich beim VDL zu melden, dann doch mit einem Anruf beantwortet, so daß wir nun als Landpost-Redaktion Ihre beiden Briefe aus rechtlichen Gründen auch veröffentlichen dürfen. Anonyme Schreiben werden nicht veröffentlicht.
Nun zu Ihrer Argumentation:
Für Sie sind die von uns favorisierten „Familienbetriebe“ schlichtweg ein (Europa-) weites Auslaufmodell. Unsere agrarpolitischen Äußerungen gegenüber den LPG-Großbetrieben werten Sie als populistisch und Ihnen wird ziemlich schnell schlecht. Sie begründen das damit, daß auch für die deutsche Landwirtschaft sich wie „schon vor Jahrzehnten in der Industrie, der Übergang von Einzelmanufakturen (Einzelbauern) in gewerbliche Lohnarbeitsbetriebe (Agrargenossenschaften, Großfarmen) zwangsweise entwickeln“ wird. Unsere Familienbetriebe seien nur motorisierte Einzelmanufakturen, welche sich vom nichtagrarischen Rest der Wirtschaft weitgehend und nur mittels EU-Überlebenshilfe abgekoppelt hätten.
Die Folgen seien drastisch für die betroffenen Bauern. 13.000 sogenannte „Betriebe“ hätten letztes Jahr in Deutschenland wiedereinmal alles in den Sand gesetzt (aufgegeben) und das trotz Direktzahlungen: Sie fragen warum wohl und antworten dann: Offenbar seien die Familienbetriebe doch nicht das Nonplusultra in der Agrarproduktion. Und weiter argumentieren Sie, daß unsere berühmten LPG-Barone“ schon mittelfristig den westeuropäischen Agraranachronismus ein jähes Ende setzen werden und verweisen auf die 10 größten Flächenstaaten USA, Kanada, Australien, Russland, Argentinien, Brasilien usw. Dort gäbe es diese Form des Einzelbauers nicht.

Vielmehr stellten Sie bei Besuchen eine erstaunliche betriebstrukturelle Ähnlichkeit mit unseren „so verhaßten LPG-Nachfolgern“ fest. Dort aber hätten die Großbetriebe durchaus Akzeptanz und Daseinsberechtigung.

Ich will nicht noch weiter auf Ihre einzelnen Argumentationen eingehen und nur einige grundsätzliche Feststellungen treffen: Sie vergleichen die spätkolonialistische Agrarstruktur außerhalb Europas mit dem historisch gewachsenen und von kleinstrukturiertem Grundeigentum geprägten mitteleuropäischen Verhältnissen. Seit den Bauernkriegen und spätestens seit der preußischen Landreform, die nach 1813 in ganz Deutschland eingeführt wurde, hat sich im 19. Jahrhundert grundlegend die Befreiung von feudalen Strukturen des Rittertums und der Junker vollzogen. Bäuerliche Betriebe entstanden, arrondierte Eigentumsgrundstücke wurden vermessen und Grenzen zum Nachbar geschaffen. Durch Erbgänge wurden die Besitz- und Eigentumsverhältnisse eher noch verkleinert (Anerbenregelung). Der Grundbesitz hat daher in Deutschland einen hohen gesellschaftlichen Rang. Er ist auch heute noch ein Freiheitsrecht und im Schuld- und Sachenrecht unabdingbar.
Sie prognostizieren den Untergang der bäuerlichen Landwirtschaft und kritisieren den Kampf des VDL, der ein Kampf ist gegen die geburtsfehlerhaft und aus Vermögensverschiebung und vielfacher Rechtsbeugung hervorgegangenen LPG-Strukturen, als „Verein“ von ein paar Hundert Anachronisten, die nicht mal ansatzweise in der Lage sind, über Ihre eigene Scholle hinaus zu schauen ...“.

Als 1976 geborener haben Sie offenbar wenig historische Bildung in deutscher Agrargeschichte, von kommunistischer Zwangskollektivierung und Enteignung, von Stalinismus, Klassenkampf und Stasi-Staat. 30.000 Bauern sind allein im Jahr vor dem Mauerbau in den Westen geflohen. Sie wurden bedroht, verhaftet, enteignet und zu Wirtschaftsverbrechern erklärt. Davon hat der Westen heute offenbar keine Ahnung mehr. Und nun stellen Sie sich vor, Ihre „Agrartheorie“ würde in den westlichen Bundesländern durchgesetzt. Dann müßten Sie den Kommunismus noch einmal aufrichten wollen! Stellen Sie die Freiheit des Grund- und Bodeneigentums in Deutschland in Frage? Oder meinen Sie, man könne die Kollektivierung im Westen zu „schönen West-LPG“ , ohne Zwang erreichen?
Die Nebenerwerbslandwirte, die Sie so verächtlich machen, sind aber vielleicht bei Daimler und BMW beschäftigt und schaffen sich durch kleine Landwirtschaftsbetriebe ein Nebeneinkommen. Was wissen Sie über die sozio-kulturelle Bedeutung der kleinen Landwirtschaft, was über Erholung durch Kleintierhaltung, eigenem Wald und Garten, für Wochenend- und Urlaubsgestaltung? Eigentum an Grund und Boden ist ein Freiheitsrecht! Die postkolonialen und postkommunistischen Verhältnisse in Amerika oder Rußland mit unseren abendländischen Strukturen und Kulturen zu vergleichen, ist einfach paradox.

Mit freundlichen Grüßen
Dieter Tanneberger, Präsident des VDL

PS.: Hiermit werden alle Leser der Landpost zu einer Diskussion des Briefes des Herrn A. Göbel zur Veröffentlichung als Leserbrief aufgerufen: e-mail: info@deutsche-landwirte.de bzw. Fax: 037360/6366 oder als Leserbrief an die Landpost-Redaktion Stuttgart.

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