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Der qualvolle Tod einer Popen-Familie
Verglichen mit Russlands Dörfern ist Moskau eine Insel der Glückseligen. Auf dem Land regieren Trunksucht, Gewalt und zynische Rechtlosigkeit. Vater Andrej, ein orthodoxer Dorfgeistlicher, stemmte sich gegen den Niedergang. Er und seine Familie bezahlten das mit dem Leben.
Von Manfred Quiring Pressemitteilung vom 12.01.2007


Moskau - Russlands Hauptstadt ist eine Insel der Glückseligen, verglichen mit den umliegenden ländlichen Regionen. Während in der Glitzermetropole die Dollarmilliarden aus dem Gas- und Ölexport in Banken, Investmentfonds, Luxus-Immobilien und extravaganten Fahrzeugen angelegt werden, zerfallen die darbenden Dörfer. Die Kollektivwirtschaften, von Stalin gewaltsam eingeführt in den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts, sind bankrott, die Landbevölkerung meist arbeitslos. Die Ausweglosigkeit erzeugt Alkoholismus, Gewalt und Rechtlosigkeit und umgekehrt. Vater Andrej, ein orthodoxer Dorfgeistlicher, stemmte sich gegen den moralischen Niedergang und bezahlte das mit seinem Leben und dem seiner Familie.
Schmutzige Schneereste lassen die Brandstätte noch trostloser erscheinen als sie es ohnehin schon wäre. Ein paar verkohlte Balken, Reste einer gemauerten Feuerstätte, ein alter Wasserkessel - das ist alles, was geblieben ist von der bescheidenen Behausung und ihren Bewohnern. Und ein großes Schweigen, das sich über das Dorf Prjamuchino unweit der Provinzstadt Twer breitet.

Niemand hörte die Hilfeschreie
Niemand weiß, wie Vater Andrej, der Dorfgeistliche, mit seiner Frau Ksenia und seinen drei Kindern in den Flammen umgekommen ist, niemand will etwas gesehen haben, keiner hat in der Nacht Hilfeschreie gehört, als das Holzhaus in Flammen stand. Die Einzelheiten der Katastrophe, die sich im Dezember ereignete und höchstwahrscheinlich auf Brandstiftung zurückzuführen ist, blieben bislang hinter einem Vorhang dörflichen Schweigens und bürokratischer Ränke verborgen. Nur eins scheint klar: Trunksucht, Gewalt und zynische Bedenkenlosigkeit, die Heimsuchungen des russischen Dorfes, haben Pate gestanden.
Wahr haben will das heute natürlich keiner. Unisono loben die Dörfler den Popen Andrej, den großen, kräftigen, erst 30 Jahre alten Geistlichen. Hat Batjuschka nicht mit seinen eigenen Händen die Kirche restauriert, in der, im 19.Jahrhundert gestiftet vom Adelsgeschlecht der Bakunins, bis 1991 Fett und Öl hergestellt wurde? Haben er und seine Frau Ksenia nicht hingebungsvoll ihren Garten bestellt, Zwiebeln und Kartoffeln gezogen? Und ist Batjuschka nicht von Haus zu Haus gezogen, um die Menschen vom Trinken abzuhalten? Jetzt, nach seinem Tode, lieben sie ihn plötzlich alle. „Er hat mich doch getauft“, greint der arbeitslose Alexander, umhüllt von einer Alkoholwolke.
Kein Wort davon, dass Vater Andrej fast jede Nacht mit der Flinte in der Hand seine Kirche bewachen musste, um Diebe fernzuhalten. Auch um seine Familie sorgte sich der Geistliche. Sie waren üblen Anfeindungen ausgesetzt, weil er öffentlich gegen Suff, Faulheit und Unehrlichkeit wetterte. Das konnte nicht gut gehen. „Im Dorf musst du sein wie alle anderen“, weiß der Farmer Nikita Bolotow, der sich bei Zeiten aus Prjamuchino davongemacht hat. „Du darfst nie trocken sein, musst die Obrigkeit verfluchen und das eigene ausweglose Schicksal beklagen - oder abhauen“, teilte er einer Zeitung seine Erfahrungen mit. Alle, die nicht so lebten, hasse das Dorf inbrünstig.

An der Wand hängen eine Kalaschnikow und zwei Pump-Guns
German Sterligow, Russlands erster Dollar-Millionär, inzwischen längst ausgestiegen aus dem fiebrig glänzenden Hauptstadtleben, kennt die Missgunst der Dörfler. Auch ihm fackelten Nachbarn das erste Haus ab. „Wir hätten bescheidener bauen sollen“, sagt er heute. Er belässt es nicht dabei. Im Wohnzimmer seines Holzhauses hängen eine Kalaschnikow und zwei Pump-Guns. Stolz berichtet er über die Schießkünste seiner Kinder. Darauf vertraut er mehr als auf die Gutmütigkeit der Leute in den Nachbarorten, wo der Suff zu Hause ist.
„Vater Andrej war ganz anders, er war ehrlich und ordentlich“, erinnert sich Farmer Bolotow. Doch Unterstützung und Hilfe für seinen Kreuzzug für die Moral fand der Pope nicht. Weder bei der weltlichen noch bei der geistlichen Obrigkeit. „Das Bistum mag es gar nicht, wenn ein Geistlicher zugibt, dass er seine Herde nicht alleine durch das Wort Gottes bekehren kann“, weiß der Rentner Gennadi, einer der wenigen Getreuen des Popen. Und den Behörden sei es völlig egal, was sich in den Dörfern tue.
Nach seinem Fernsehauftritt, erinnert sich Gennadi, sei alles nur noch schlimmer geworden. Vier Wochen vor seinem gewaltsamen Tod hatte Vater Andrej in einem Moskauer TV-Sender ein düsteres Bild des heutigen Dorflebens gemalt: Das saufende Dorf degeneriere, für die Menschen existierten keine moralischen Gesetze mehr, für eine Flasche Wodka verkauften sie die Balken ihres eigenen Hauses und die Ikonen aus der Kirche, erregte sich der große, bärtige Pope und Ex-Soldat. Die Moskauer Priester hätten es einfacher, klärte er die Gesprächsrunde auf. „Sie dienen. Wir, die Dorfpopen, sind wie im Krieg. Wir wissen nie: Zündet jemand dein Haus an? Oder kommt ein Besoffener und raubt die Kirche aus? Wir verlassen uns nur auf Gottes Wille.“ Freilich nicht ganz, wie Vater Andrej einräumte. Zur Abschreckung schieße er auch schon mal in die Luft, aber da könne es passieren, „dass wir uns eine echte Kugel einfangen“.

Racheakt oder Vertuschung eines Ikonen-Diebstahls?
Es war keine Kugel, es war das Feuer, das ihn und seine Familie wenig später tötete. Gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Fernsehauftritt und dem Anschlag? Die Behörden gingen anfangs von Brandstiftung aus Rache oder zur Vertuschung eines Ikonen-Diebstahls aus. Schon vor anderthalb Jahren hatten Unbekannte das Haus des Popen niedergebrannt. Gangster wollten ihn zwingen, ihnen die wertvollen Ikonen der Bakunin-Familie zu überlassen. Vater Andrej rüstete auf, bewaffnete sich und nahm die Ikonen nach dem Gottesdienst mit nach Hause. Nach dem ersten Brandanschlag, der glücklicherweise keine Opfer forderte, baute er mit Hilfe von Spenden ein neues Haus. Dort kam es zu der Tragödie. Regionale Zeitungen behaupteten, der Pope sei erschlagen worden, seine Familie in die Dusche eingesperrt worden. Dann hätten die Gangster die Ikonen gestohlen und das Haus angezündet, um ihre Spuren zu verwischen. Die Ermittlungen, die wegen der zehntägigen arbeitsfreien Zeit Anfang Januar natürlich ruhen, gehen inzwischen in eine andere Richtung.
Die Behörden neigen nun, da sie mit ihren Untersuchungen vor einer Wand des Schweigens stehen, zur Unglücksversion. Dann nämlich könnten sie das Verfahren einstellen. In der Statistik der Miliz tauchte dann kein weiterer ungelöster Kriminalfall auf, von dem die Dorfbewohner ohnehin nichts bemerkt haben wollen. Teilen sie allerdings die Schlafgewohnheiten der 20-jährigen, bereits vom Alkohol gezeichneten Olga aus Prjamuchino, erscheint das sogar plausibel. Sie trinkt, seit sie zwölf wurde. „Mama brennt den Samogon, den Schnaps, selbst und vermischt ihn mit Dimerol. Da schlafen mein Bruder und ich wie die Murmeltiere.“ Es sei besser, nichts zu sehen und nichts zu hören, sage die Mutter immer.
Direkte Nachbarn hatte Vater Andrej ohnehin nicht. Die Gehöfte rechts und links von seinem Haus sind verlassen, auch gegenüber wohnt niemand mehr. Wer auch nur ein Fünkchen Energie und Unternehmungsgeist hat, kehrte dem sterbenden Ort längst den Rücken. Gelangweilte Jugendliche, meist angetrunken, machen sich einen Spaß daraus, Gebäude anzuzünden, die von ihren Besitzern aufgegeben wurden. Nahezu jedes zweite Haus blickt mit trüben, toten Fenstern auf die Dorfszenerie. Nach einem verlorenen Krieg könnte es kaum schlimmer aussehen. Die Kollektivwirtschaft aus sowjetischer Zeit existiert nicht mehr, die umliegenden Felder werden nicht mehr bestellt, Arbeit gibt es praktisch keine. Glücklich kann sich schätzen, wer eine Anstellung in der Schule oder in der Ortsverwaltung gefunden hat. Die Gelder aus dem Budget fließen zwar spärlich, aber regelmäßig. Ebenso die schmalen Renten, die die Alten umgehend in die wenigen kleinen Läden des Dorfes tragen.

„Das russische Dorf ist in den Alkoholismus abgeglitten“
Keine 300 Kilometer entfernt von Russlands aufstrebender Metropole Moskau, wo die aus dem Gas- und Ölgeschäft stammenden Dollars eine Insel des Wohlstands und der glänzenden Pracht schaffen, ticken die Uhren völlig anders. Vor allem im zentralen Teil der Russischen Föderation siechen Hunderte solcher Dörfer wie Prjamuchino dahin, andere sind völlig entvölkert. „Das russische Dorf ist in den Alkoholismus abgeglitten“, stellte der TV-Journalist Maxim Menschikow nach seinen Recherchen in den Provinzen fern von Moskau fest. „Einbrüche, sogar ganze Abbrüche von Häusern werden immer häufiger.“ Das Geraubte wird verkauft, bis hin zum einzelnen Brett. Es gibt Gegenden in Russland, die bis heute ohne elektrischen Strom geblieben sind, weil die neu gezogenen Überlandleitungen binnen kurzem gestohlen und auf dem Buntmetallmarkt verscherbelt werden. Ein großer Teil der Dorfbewohner habe Gefängniserfahrung, oft wegen richtig schwerer Delikte, berichtete Menschikow desillusioniert.
Das russische Dorf in seiner ursprünglichen Gestalt, von dessen Bodenständigkeit und moralischer Stärke sich Schriftsteller wie Valentin Rasputin und Alexander Solschenyzin die Rettung des russischen Staates erhofften, es existiert nicht mehr. Die brutale Kollektivierung in den 30er Jahren, die totalitäre Unterdrückung und Bevormundung der Sowjetzeit zerstörten die Grundlagen der einstigen russischen Dorfgemeinschaft. Als sich mit dem Untergang der Sowjetunion die letzten Bindungen auflösten, war der Absturz nicht mehr aufzuhalten.

Quelle: Die Welt vom 06. Januar 2007

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