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Humanismus statt Hysterie
Apokalyptiker und Euphoriker bestimmen die Debatte um neue Technologien. Ein Plädoyer für rationale Risiko-Kriterien
von Julian Nida-Rümelin
Pressemitteilung vom 12.01.2006


Wenn die deutsche Gesellschaft mit neuen Technologien konfrontiert ist, wird die öffentliche Debatte meist rasch von Euphorikern und Apokalyptikern beherrscht. Dies war bei der ersten Eisenbahnfahrt zwischen Nürnberg und Fürth genauso wie bei der Nuklear- und jetzt seit einigen Dekaden der Gentechnologie. Mit anderen Worten, es dominieren hysterische Reaktionen. Stimmen der abwägenden Vernunft tun sich in einer solchen Atmosphäre schwer.

Die einen meinten, mit der Nukleartechnik seien nun alle Energieversorgungsprobleme der Menschheit gelöst, die anderen erwarteten das Ende der menschlichen Zivilisation. Die einen glaubten, daß mit der Gentechnik nun endlich das genetische Schicksal der Menschheit selbst gestaltet und verantwortet werden wird, während die anderen erwarteten, daß geklonte Kopien menschlicher Arbeitsbienen die Fabriken bevölkern werden. Die einen erwarteten von der grünen Gentechnik eine Lösung der Welternährungsproblems, die anderen eine großflächige Vernichtung von Biotopen, Artensterben und Verarmung der ländlichen Bevölkerung in der Dritten Welt.

Wir gehen täglich mit Risiken um. Nicht nur harmlosen, etwa, wenn wir eine kleine Summe in Aktien anlegen, sondern auch mit existentiellen. Wir setzen unser eigenes Leben und das anderer Personen Risiken aus. Wir entscheiden uns, am Verkehr teilzunehmen, die Dachrinne selbst zu reinigen, zu rauchen, mit Flaschen auf 40 Meter Tiefe zu tauchen, ein Pferd auszureiten. Wir versuchen, allzu große Risiken zu vermeiden. Sind aber bereit, um bestimmter Vorteile, und seien es nur Vergnügungen willen, Risiken in Kauf zu nehmen. Wann ist dieses Risiko-Verhalten rational? Viele, auch Wissenschaftler, meinen, dazu ließe sich nichts sagen. Die einen fänden eben diese, die anderen jene Risiken akzeptabel. Und eine verbreitete Degenerationserscheinung des sogenannten technology assessment besteht darin, lediglich nach der zu erwartenden sozialen Akzeptanz einer Technologie zu fragen und nicht mehr nach ihrer (rationalen) Akzeptabilität. Für letzteres bedürfte es rationaler Risiko-Kriterien, diese aber seien, so meinen die Kritiker aus den Kultur- und Sozialwissenschaften, nicht verfügbar. Ja schlimmer noch, diejenigen, die meinten, es könne rationale Risiko-Kriterien geben, seien einem technokratischen (oder ökonomistischen) Paradigma verhaftet, das doch längst obsolet sei.

Als Humanist fühle ich mich angesprochen. In der Tat, es gibt eine technokratische, ja auch eine ökonomistische Verkürzung des Risiko-Diskurses. Humanisten sind aber auch Rationalisten, und als solcher wehre ich mich gegen den zeitgenössischen Konstruktivismus in den Kultur- und Sozialwissenschaften, dem Rationalität und Realität als kulturelle und soziale Konstrukte gelten, gegen die Subjektivierung und Partikularisierung des Risikos.

Ich befinde mich also mit meiner Auffassung zwischen den Fronten und bin doch überzeugt, daß diese wohlbegründet ist.

Der Risiko-Begriff ist eindeutig: Risiko ist potentieller Schaden, gewichtet mit der Wahrscheinlichkeit der Ereignisse, die diesen Schaden verursachen. Risiko ist nur dort relevant, wo es durch Handeln beeinflußbar ist, alles andere sind Adiaphora im Sinne der Stoa - vielleicht theoretisch von Interesse, aber praktisch ohne Bedeutung, wir sollten diesen gegenüber kein großes Aufhebens machen. Risiko ist damit der negative Teil des Erwartungsnutzens einer Handlung. Aber damit ist noch nicht viel gewonnen, die ethische Klärung beginnt erst jetzt. Wir nehmen sie in wenigen Schritten vor:

Jede Person hat das Recht, selbst zu bestimmen, welche Risiken sie auf sich nehmen möchte. Dies anzuerkennen ist ein wesentliches Merkmal einer humanen und liberalen, auf die Eigenverantwortung der Individuen setzenden Gesellschaft. Wenn einer Person ein großer Vorteil angeboten wird, der mit einem nur ganz leicht erhöhten Risiko vorzeitig zu Tode zu kommen verbunden ist, dann ist es das gute Recht dieser Person, das Angebot abzulehnen, wie groß der Vorteil auch sei und wie gering das Risiko. Sie hat auch dann dieses Recht, wenn die Abwägung irrational ist. Sie wäre irrational, wenn sie sich nicht begründen ließe, wenn sie sich mit den von dieser Person akzeptierten Handlungsgründen nicht in Einklang bringen ließe oder noch kürzer, wenn diese Abwägung nicht Bestandteil einer kohärenten Praxis dieser Person ist.

Hochtechnologien haben es an sich, daß sie in der Regel nicht von einzelnen Individuen entwickelt und angewendet werden können. Sie sind Ergebnis kollektiven, wissenschaftlich-technischen, politischen und ökonomisch-sozialen Handelns. Daher sind die Risiko-Kriterien für Hochtechnologien solche kollektiver Rationalität. Eine weitgehende Subjektivierung und Partikularisierung des Risiko-Diskurses unterminiert kollektive - politische und soziale - Handlungsfähigkeit angesichts von Hochtechnologien. Die Gesellschaft insgesamt muß sich auf Kriterien einigen. Diese sind rational, sofern sie sich begründen lassen. Eine Risiko-Politik ist rational, wenn sie gegenüber der etablierten wohlbegründeten Praxis kohärent ist. Kohärenz läßt sich aber - je nach Datenlage und dem Stand der empirischen Forschung - prüfen.

Um einer Rationalisierung der Risiko-Politik angesichts von Hochtechnologien auszuweichen, sind Ideologisierungen und Tabuisierungen ein probates Mittel. Das rechtliche kategorische Verbot des Eingriffes in die menschliche Keimbahn ist eine solche Tabuisierung, die den Abwägungsprozeß von Gründen und Gegengründen, zum Beispiel bei bestimmten schweren Erbkrankheiten, abbricht. Die restriktiven deutschen Regelungen des Embryonenschutzes sind gegenüber anderen rechtlich geregelten Praxisfeldern nicht kohärent - diese Inkohärenz ist besonders deutlich gegenüber der nicht sanktionierten Abtreibungs- und Verhütungspraxis sowie der Pränatalmedizin.

Die Apokalyptiker weichen aus. Sie lassen sich auf einen rationalen Risiko-Diskurs nicht ein, sondern erklären einzelne Anwendungen der Gentechnologie für kategorisch verboten. Diese Tendenz, den Diskurs vorzeitig abzubrechen, ist eigentlich für fundamentalistische, anti-aufklärerische Weltanschauungen charakteristisch, sie scheint mir aber in Deutschland auffallend weit verbreitet zu sein. Damit einher geht eine Art Stereotypisierung der Argumente. Es sind die immer gleichen wechselseitigen Unterstellungen, die eine rationale Abwägung erschweren und das technologische Potential in Deutschland behindern.

Die Euphoriker setzen ihre mehr oder weniger utopischen Erwartungen einer technischen Lösung politischer und sozialer Probleme dagegen. Beide sind für mich wenig vertrauenswürdig. Ich plädiere für einen neuen risikopolitischen Diskurs, der sich an den vertrauten und von uns allen akzeptierten Menschen- und Bürgerrechten orientiert, der sensibel gegenüber den kulturellen und sozialen Bedingungen technologischer Innovation ist und der in einen neuen Gesellschaftsvertrag - einen neuen normativen Grundkonsens einer gerechten und fortschrittsfreundlichen Risikopolitik - mündet.

Julian Nida-Rümelin, Ex-Kulturstaatsminister der Regierung Schröder, ist Ordinarius für Philosophie in München. Im Februar erscheint im Verlag Beck sein Buch "Humanismus als Leitkultur"

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