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Die Ferne! Die Freiheit!
In Sri Lanka hatte sie die Ferne, die Freiheit gesucht - die Journalistin Katrin Thamm stammte aus der DDR. Sie starb in der Tsunami-Welle
von Oliver de Weert
Pressemitteilung vom 05.01.2005


Die Mauer war noch nicht gefallen, David Bowies "Heroes" war ihr Song. Sie bekam eine Gänsehaut davon. Pfingsten 1987 - wie viele Tausende in der DDR legte sich Katrin Thamm mit der Staatsmacht an, sie wollte Bowie hören. Er sang auf der anderen Seite der Mauer, in Berlin, vor dem Reichstag. Ein paar Lautsprecher-Batterien waren Richtung Osten gedreht. Dort jagte die Volkspolizei knüppelnd eine große Menschenmenge durch die Straßen.
Katrin Thamm war ein "Mädchen aus Ost Berlin", nicht wie bei Udo Lindenberg aus Pankow. Sie kam aus Friedrichshain, einem Arbeiterviertel. Altbauten im freien Verfall, Braunkohlengeruch, vier Treppen, Hinterhaus. Daher kam sie. Als sie und ich 1993 eine Wohnung in ihrem Geburtshaus bezogen, war vom heutigen Szenekiez noch nichts zu sehen. Wenige parkende Autos verloren sich an den Rändern der bucklig gepflasterten Straßen.
Katrins Familie war in den siebziger Jahren von dort weggezogen, in den benachbarten Bezirk Lichtenberg: Dreiraumwohnung, "Platte", bescheidener DDR-Luxus mit Heizung und fließend Warmwasser. Katrins Kindheit, ihre Jugend verlief durch den Sozialismus hindurch, mit Krippe, Kindergarten, Polytechnischer Oberschule, Ferienreisen an die Ostsee, einmal zu Freunden ins georgische Tiflis und an die Schwarzmeerküste. Ihr Vater, ein Physiker, bürgerlicher Hintergrund und SED-fern, hatte in der Sowjetunion studiert.
Die Spießigkeit, die Engherzigkeit, die Tristesse dieses Gefängnishof-Staats hat Katrin früh bedrückt. Sehr gute Noten reichten nicht, um - wie es hieß - "zum Abitur delegiert" zu werden. Das ging nicht in der DDR, bei diesem Familienhintergrund: Wegen regimekritischer Aktionen schob die DDR 1987 ihren Vater in den Westen ab. Da war Katrins Bruch mit der DDR schon längst vollzogen. Sie hat dann Geologiefacharbeiterin gelernt in Berlin und im sächsischen Johanngeorgenstadt, sie hat auch ihr Abitur nachgeholt, auf der Abendschule. Und sie lernte einen Jungen aus West-Berlin kennen. Mit ihm und einer guten Freundin wälzte sie abenteuerliche Fluchtpläne.
Im August 1989, wenige Monate vor dem Fall der Mauer, auf den sie nicht hoffen und warten wollte, überwand sie die Grenze zwischen Ungarn und Österreich - im dritten Anlauf, in Todesangst. Nebenan im Maisfeld fielen Schüsse. Sie hat nie erfahren können, wer es nicht mehr schaffte in dieser Nacht, im Maisfeld neben ihr.
In die Freiheit brachte sie ihren unter Demütigungen, Schikanen, Verboten nachgerade ins Besessene vergrößerten Willen, all die Versprechen, all die farbig ausgemalten Verheißungen eines unbeschränkten Lebens auszukosten. Neben dem Studium an der Freien Universität in Berlin begann sie als Journalistin zu arbeiten. Sie reagierte kompromißlos, wenn ihr Gerechtigkeitssinn verletzt war. Ostalgische Verklärung, wurstelndes Mitläuferum, vor allem Beschneidung von Freiheiten entzündeten in ihr einen flammenden Zorn. Das Reisen wurde ihre Leidenschaft, auf ihren grenzenlosen Reisen spürte sie ihre Befreiung am stärksten.
Sie durchstreifte Europa, Party-Inseln und stille Buchten, nicht lange danach die ganze Welt. Katrin und ich haben zusammen auf Wolkenkratzern gestanden und unter Palmen gelegen. Sie blieb unruhig. Es trieb sie weiter. War sie an einem Platz sehnte sie sich danach, an einem anderen zu sein. Ganz so, als versäume sie etwas, als wolle sie die Jahre ihres gefesselten Lebens hinter der Mauer durch Eile und Rastlosigkeit überholen, auslöschen. Das machte den Umgang mit ihr oft anstrengend, sie war wie ihr Handy - eingeschaltet, unter Strom, immer.
Als Reporterin bei BILD am SONNTAG reiste sie in das bürgerkriegsverwüstete Sierra Leone, um über ein Ärzteschiff zu berichten. Sie besuchte eine Schule im palästinensischen Beit Jala - die Feuergarben aus den automatischen Waffen flogen über ihren Kopf. Sie brachte sich in Gefahr. Sie war unerschrocken. Manchmal fast unbedacht. Es war, als hätte sie nichts zu verlieren.
Sie ritt auf dem Rücken eines Dromedars in die Wüste. Sie tauchte tief in die Gewässer der tropischen Korallenriffe ein, sie überwand mit dem Motorrad gewundene griechische Bergstraßen. Aber die schönsten Ziele ihrer Träume lagen in Asien und Katrin reiste: von Thailand angefangen, über Vietnam und Kambodscha bis nach Sri Lanka, das sie von einer Reportagereise her kannte. Dort endete ihr vielfach riskiertes Leben in der Flutkatastrophe.
Katrin reiste mit dem Rucksack, nie organisiert, ohne Versicherungs-Scheckbuch in der Tasche. Die Strandhütte zog sie dem Hotel vor. Sie war glücklich, ungezählte Fotos zeigen sie lachend auf ihren Reisen. Von den Gründen für ihr unsteten Lebens erzählen die Bilder nichts. Eher von der Suche nach Paradiesen. Der Lust am Leben ohne Zwänge und Restriktionen. Vor allem aber vom großen Glück der Freiheit.
Katrin Thamm, Journalistin, starb 36jährig am 26. Dezember in der Erdbeben-Flutwelle an der Ostküste Sri Lankas.

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