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Wie das Wirtschaftswunder West vom Osten profitierte
Sachbuchbesprechung: „Das Know-how, das aus dem Osten kam“
Von Oliver Schlicht
Pressemitteilung vom 16.01.2003


Aus der Sicht von Altbundesbürgern hängt früheren DDR-Bürgern immer noch ein gewisser Ruf der Niveaulosigkeit an. „Vom Rückstand des Landes in Gemeinwesen und Wirtschaft wird oft noch immer auf einen Mangel an Intelligenz, Können und Fleiß geschlossen“, schreibt Hermann Golle. Den Dresdner Ingenieur haben diese Erkenntnis und Sprüche wie: „Die sollen erst mal 40 Jahre arbeiten wie wir!“ dazu veranlasst, ein ungewöhnliches Buch zu schreiben. „Das Know-how, das aus dem Osten kam“, so der Titel, beschreibt mit großer Detailfreude, wie die westdeutsche Wirtschaft von der Abwanderung der ostdeutschen Industrie profitiert hat. Der Autor, Jahrgang 1934 und studierter Flugzeug- und Maschinenbauer, betrachtet in Mitteldeutschland Region für Region nach dem Muster. Welche industrielle Infrastruktur entwickelte sich bis 1945? Welche Bedeutung hatten diese Betriebe in Deutschland und Europa? Welche Fabrikanten wanderten in den Westen aus, und wie entwickelten sich die Neuansiedlungen dort? Golle kommt zum Ergebnis, dass das westdeutsche Wirtschaftswunder von Enteignung und Demontage im Osten profitiert hat. Die Vertreibung von Fabrikantenfamilien habe die Dimension einer ethnischen Säuberung gehabt. Das Faszinierende an dem Sachbuch ist, mit welcher Detailkenntnis der beispiellose Technologie-Transfer beschrieben wird. In Dresden betraf es eine riesige Industrie rund um die Kaffee-, Tee-, Tabak- und Schokoladenproduktion. Ein Beispiel: Hier wurde 1929 die „Teestube“ als Warenzeichen geschützt. Der Aufgussbeutel wurde 1929 in Dresden erfunden. !948 wurde „Teekanne“ in Düsseldorf neu aufgebaut. Sachsen war, so der Autor, vor dem Krieg „der beste Steuerzahler des Reiches" und erwirtschaftete einen Großteil der gesamtdeutschen „Devisenerlöse“. Das wichtigste Gebiet war dabei der Chemnitz-Zwickauer Raum. Spinnerei- Maschinenbau. Schreibmaschinen, Fahrzeugbau und vieles mehr – die Entwicklung von Dutzenden Betrieben wird beschrieben. Was ging in den Westen, was verblieb an Produktion in der DDR? Was ging in die Sowjetunion? Auch dem Maschinen- und Flugzeugbau des Großraums Magdeburg-Dessau widmet Golle ein ausführliches Kapitel. Fazit: Mitteldeutschland wurde durch die sowjetische Besatzungsmacht und durch die Enteignungspolitik der SED von einer der führendsten Industrieregionen Europas auf die Stufe eines Agrarlandes zurückgeworfen. Golle: „Noch vor Gründung der beiden deutschen Teilstaaten wurden die Weichen für die weitere wirtschaftliche Entwicklung Deutschlands gestellt.“ Das Buch ist ein im hohen Maße lesenswertes Stück Industriegeschichte. Und es ist auch ein schönes Geschenk an den Altbundesbürger im persönlichen Bekanntenkreis.

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