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Wie gehen wir mit unserer Geschichte um?
Pressemitteilung vom 04.01.2007


Es gehört zu meinem Beruf als Pfarrer, meine Wohnung zu öffnen für alle, die mit mir sprechen wollen. In den letzten Monaten gab es dabei ein Thema, das immer wieder angefragt wird. Dazu einige Beispiele:

1. Ein kranker Mann, 74 Jahre alt, erzählt mir bewegt: „Ich habe viel Schlimmes erlebt. Die Auswirkungen des Krieges, den Verlust der Heimat, Fremde, Hunger an Leib und Geist. Dann war ich begeistert vom Aufbau einer neuen Gesellschaft in der DDR. Als ich die Verlogenheit des Systems langsam durchschaut habe, war inzwischen die Mauer gebaut. Ich war Gefangener im eigenen Land. Die DDR hat mir mein ganzes Leben gestohlen! Jetzt ist niemand dafür verantwortlich. Im Gegenteil: Stasi-Offiziere und ihre Mitarbeiter von einst organisieren sich inzwischen sogar öffentlich. Ich hege keinen Haß, aber ich bin sehr traurig."

2. Einige ehemalige Studenten fragen mich, weil sie wissen, daß ich in der Wende engagiert war, wie es möglich ist, daß die Vergangenheit so unaufgearbeitet liegen bleibt. Sie kennen nur allzu gut die DDR-Vergangenheit mit ihren Zwängen und Ängsten. Jetzt sitzen „Ehemalige" sogar in Parlamenten, ganz demokratisch legitimiert. Sie fragen mich: Wie können Menschen so schnell vergessen? Müßte nicht auch hier gelten: null Toleranz für Intoleranz? Keiner gibt seine Schuld zu. Jeder sagt nur: Das war einmal. Hätte ich nicht mitgemacht, wären andere noch schlimmer gewesen.

3. Zwei Gymnasiasten sitzen bei mir. In ihrem Lehrplan, Fach Geschichte, steht zwar auch „DDR". Aber dazu kommt es im Unterricht so gut wie gar nicht. Sie meinen, das läge nicht nur am Zeitmangel, es läge auch daran, daß sich die Lehrer kaum darauf einließen. Ostalgie und Nostalgie liegen wie ein Mehltau auf der jüngsten Vergangenheit. KZ-Besuch Buchenwald ist eingeplant, aber das Lager II wird dabei ausgeklammert. Ich sage ihnen das Wort des bekannten SPD-Politikers und evangelischen Theologen Richard Schröder: „Man kann Nationalsozialismus und Kommunismus nicht gleichsetzen, aber man kann (und muß) sie sehr wohl vergleichen." Wer - so fragen die beiden Schüler - redet schon über die Wurzeln und über die tödlichen (körperlich wie geistigen) Auswirkungen jeder Diktatur?

4. Ich lese gerade in einer Zeitung eine Stellungnahme von Matthias Büchner, einem der hochgeschätzten Bürgerrechtler in Thüringen, auf die Frage, wie denn die Stasi-Aufarbeitung weitergehen solle: „Wenn man nun die Geschichte der Aufarbeitung des Nationalsozialismus als einen Vergleich heranzieht, kann man feststellen, daß alles, was einst verdrängt worden ist, später um so heftiger hochkommt."

Wir hinterlassen, so denke ich, unseren Kindern und Enkeln ein schweres und schlimmes Erbe, wenn wir heute die Wahrheit über die DDR verdrängen.

Gerhard Sammet, Ilmenau

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