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Ostdeutsche Lehrer verschweigen die Stasi
Pressemitteilung vom 04.01.2007


In Geschichts- und Politikbüchern der ostdeutschen Schulen spielt die Stasi kaum eine Rolle. Es fällt auf, daß sich solche Darstellungen vor allem in den Geschichtsbüchern des ehemaligen DDR-Verlages Volk und Wissen finden, dessen Titel vor allem von ostdeutschen Lehrern bevorzugt werden.

In vielen Geschichtsbüchern wird das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) allenfalls nebenbei erwähnt wird. Bei den Lehrbüchern für den Politik- und Sozialkundeunterricht ist der Befund noch unerklärlicher: In mehr als der Hälfte der zugelassenen Titel werden weder die DDR noch das MfS behandelt. Das belegt eine Untersuchung des Georg-Eckert-Instituts für internationale Schulbuchforschung im Auftrag des brandenburgischen Kultusministeriums. Die Schulbücher wurden quantitativ und qualitativ ausgewertet und die Lehrpläne für Geschichte, Politik und Sozialkunde in den Bundesländern kursorisch betrachtet.
Die Mehrzahl der in den Schulen verwendeten Geschichts- und Politikbücher behandelt den Unterdrückungsapparat Staatssicherheit in wesentlich geringerem Maße, als die zu Beginn der neunziger Jahre geführte öffentliche Diskussion vermuten ließe. Die Gutachterin des Georg-Eckert-Instituts folgert: „daß das MfS im Verhältnis zu seiner Präsenz und Wirkmacht in den Schulbüchern nicht angemessen dargestellt und die Chance zur historisch-politischen Bildung nicht genügend genutzt wird". Dieser Befund erinnert ungut an den Umgang mit der ersten deutschen Diktatur in den Schulbüchern der fünfziger Jahre. In vielen Schulbüchern westdeutscher Länder scheint es die zweite deutsche Diktatur überhaupt nicht gegeben zu haben.
In den ostdeutschen Ländern, vor allem in Mecklenburg-Vorpommern, wird die Stasi als möglicher Lerngegenstand der deutsch-deutschen Geschichte benannt und auch in den Sozialkundeunterricht einbezogen. Auch Sachsen berücksichtigt das „MfS als Unterdrückungsorgan" in den Lehrplänen des Gymnasiums, allerdings ist es im Jahr 2001 nicht zu finden. Auch in Sachsen-Anhalt zählt es zu den verbindlichen Gegenständen des Lehrprogramms im Geschichtsunterricht des Gymnasiums. In Thüringens Lehrplänen wird die Staatssicherheit unter dem Oberthema „Die deutsche Frage 1949 bis 1990 und ihre Lösung" behandelt. Eine frühere Lehrplananalyse im Auftrag der Stiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur kommt zu dem Schluß: „Von Repressionen in der DDR erfahren die Schüler nur an wenigen Stellen, die Lehrplananlage thematisiert diese Fragen nicht. Aus der Behandlung des Gesellschafts- und Machtsystems in der DDR werden nur wenige Gründe für die Krise des Systems und seinen Zusammenbruch abgeleitet." -2-
Weitgehend wird auf eine geschichtliche Einordnung der Stasi völlig verzichtet. So wird die Entwicklung des MfS seit 1950 überhaupt nicht dargestellt, nur in drei von 31 analysierten Politikbüchern finden sich Aussagen zum strukturellen Aufbau. Es überrascht, daß die Geschichtsbücher den Schülern nicht nur Entwicklung und Struktur des MfS bis auf wenige Ausnahmen vorenthalten, sondern auch die Möglichkeit nicht wahrnehmen, etwa anhand einer Opfer- und Täterakte die Auswirkungen der unaufhörlichen Bespitzelung zu beschreiben.
Die erlittenen Verletzungen durch Bespitzelung und geheimpolizeiliche Gewalt an Einzelfällen darzustellen wäre unerläßlich. Erst dann könnten zunehmend politikverdrossene Schüler begreifen, daß der Schutz der Grundrechte keineswegs selbstverständlich ist. Dazu gehört auch, daß die Sicht aus dem Blickwinkel der Opfer vernachlässigt wird.
Die Geschichtsbücher bringen, wie die Gutachterin bemängelt, die Staatssicherheit nur selten mit einer Verletzung der Menschenrechte in Verbindung. Vielmehr neigen die Bücher zur Verharmlosung und machen widersprüchliche Angaben zu der Zahl der Bespitzelten und der Inoffiziellen Mitarbeiter (IM). Daher wird die Behörde für Stasi-Unterlagen aufgefordert, eine schnell auffindbare Datei mit notwendigen und gesicherten Zahlen zur Verfügung zu stellen. Freilich erfahren die Schüler in ihren Geschichtsbüchern ganz selten, daß die Akten auf Antrag bei der Behörde des Bundesbeauftragten für jeden einsehbar sind. Auch gibt es im Unterrichtsstoff kaum Hinweise darauf, wie das Ende 1991 verabschiedete Stasi-Unterlagengesetz überhaupt zustande gekommen ist. Dazu paßt, daß der Beitrag der Bürgerbewegung, die den Passus über die Stasi-Unterlagen im Einigungsvertrag ertrotzt hat, ausgerechnet in den ostdeutschen Geschichtsbüchern kaum eine Rolle spielt.
So müssen die Schüler den Eindruck gewinnen, es habe sich um einen hoheitlichen Akt des Bundestags gehandelt, an dem die ostdeutschen Bürger keinen Anteil hatten. Es fällt auf, daß sich solche Darstellungen vor allem in den Geschichtsbüchern des ehemaligen DDR-Verlages Volk und Wissen finden, dessen Titel vor allem von ostdeutschen Lehrern bevorzugt werden. Offensichtlich krankt die Darstellung in Geschichts- und Politikbüchern daran, daß die Autoren mit einer eindeutig westdeutschen Perspektive auf die DDR blicken. Dies zeigt sich laut Expertise auch darin, daß das Thema „gesamtdeutsches Erbe" geradezu ausgeblendet wird. Denn tatsächlich gab es nicht nur im Osten Inoffizielle Mitarbeiter. Vor allem die westdeutschen Kultusministerien haben Versäumtes nachzuholen: Es eilt, die zweite deutsche Diktatur zu einem Pflichtthema in den Lehrplänen zu machen.

Quelle: Georg-Eckert-Instituts für internationale Schulbuchforschung

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