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Die U-Frage
von Andrea Seibel, aus „DIE WELT“ vom 28.12.2004
Pressemitteilung vom 31.12.2004


Unterschicht - ein unangenehmes Wort. Früher, aus der Wirklichkeit des 19. Jahrhunderts kommend und bis in die siebziger Jahre hinein, sprach man lieber von den "einfachen Leuten", von Proletariat oder Hilfsarbeitern, und meinte jene, die sozial unter dem Kleinbürgertum standen. Noch gibt es keine Eindeutschung außer Unterschicht, also spricht man von "trash", was "Abfall" bedeutet, oder von "Plebs" und "Prol". Früher hatte man Mitleid und ließ Barmherzigkeit walten, heute drückt sich häufig Verachtung gegenüber jenem unteren Segment der Gesellschaft aus, das eben nicht mit dem Selbstbewußtsein derjenigen durchs Leben geht, die wissen, was sie tun, und die auch wissen, was sie wollen. Unten zu sein konnte heißen, daß es durchaus Wege nach oben, in die Mitte, den Bauch und das Herz der Gesellschaft gab, wenn man sich auf die Hinterbeine stellte. Die Leitmotive der bürgerlichen Gesellschaft wurden auch von unten anerkannt: Fleiß, Anstrengung, Disziplin, Erfolg. Wer in den Fünfzigern des letzten Jahrhunderts geboren wurde, konnte - wenn die Familie einen Sinn dafür hatte, wenn Lehrer und Pfarrer, Vereine oder Eltern befreundeter Schüler in der Volksschule Unterstützung gaben - "etwas aus sich machen", konnte gefördert werden, wenn er sich selbst forderte. "Wissen ist Macht" war nicht nur eine wirkungsvolle sozialdemokratische Parole, denn Kleinbürger und "arme Leute" der Nachkriegszeit gab es viele, die mehr ersehnten für ihre Kinder. Seit den Siebzigern stockte dieser Fluß. Die Mittelschicht ist sich seither genug, wird ja auch kräftig vom Staat strapaziert, hat aber auch nicht mehr das Selbstbewußtsein früherer Jahre. Doch auch "die ganz unten" wollen unter sich bleiben. Die Milieus und Kulturen sind getrennt, die Rede von den Parallelgesellschaften trifft auch hier. Man hört die Pisa-Kunde, daß in unserem Land, dem guten deutschen Wohlfahrtsstaat, Unterschichtkinder so benachteiligt sind wie in kaum einer anderen westlichen Demokratie, und reibt sich immer noch die Augen.

Ausgerechnet Harald Schmidt, der vom Privatfernsehen "nach Hause", ins Öffentlich-Rechtliche zurückgeholt wurde, sprach in seiner ersten Sendung kurz vor Weihnachten vom Privatfernsehen als der "Unterschichtkultur" und verspottete zudem das Buch eines jungen deutschen Politologen, der als einer der wenigen die U-Frage überhaupt gestellt hat. Sie ist richtig, Paul Noltes Rede von der "fürsorglichen Vernachlässigung" der Unterschicht durch die Mittelschicht. Schmidt lapidar: "Man hat es ihnen hinten reingeschoben." Aber es kam vorne nichts heraus. Alimentierung statt Leistungsanreiz und Förderung, das ist vom gutgemeinten Umverteilungsstaat geblieben. Eine Millionen Menschen zählende Unterschicht, die sich eingerichtet hat mit Sozialhilfe in der zweiten und dritten Generation, die Fernseh-Schüsseln, Spülmaschinen, Videos und Handys ihr eigen nennt und die Autos vorm Haus wienert, aber kein Zeitgefühl hat und kein Buch kennt. Die nicht weiß, was gesundes Essen ist, und unter Sich-etwas-gönnen den Gang zu McDonald's versteht, ein Meer von Menschen, die nichts wollen, außer daß man sie in Ruhe läßt, die sich nichts abverlangen, sich nicht disziplinieren, die ziellos und ohne Elan sind und denken, daß all die Kinder, die sie so großzügig wie weder Mittel- noch Oberschicht zeugen, wüchsen wie von selbst.

Lange angekündigt, wird im Januar nun der neue Armutsbericht der Bundesregierung veröffentlicht, und siehe da: Er verkündet längst Bekanntes, die Reichen werden reicher, und die Armen - ärmer? Die Schere, es ist auch eine im Kopf. Armut ist keine materielle, sondern eine der Seele, des Geistes. Aus den Augen, aus dem Sinn: So hat links wie rechts geglaubt, der Kapitalismus oder gar die Moderne seien an allen Miseren schuld. Schuld sind immer die anderen. Das denkt auch ein passiv-aggressives Unterschichtsmilieu, das längst das Interesse an Ideen und Werten der Bürgergesellschaft verloren hat. Soweit die Bestandsaufnahme. Der Schrecken über eine geteilte Gesellschaft hält an. Lebenslänglich lernen, lautet schon die Parole für die Nicht-zu-kurz-Gekommenen. Die Ungelernten, die Hilfsarbeiter, die Hauptschüler? Eigentlich braucht diese Menschen niemand. Heinz Bude spricht von den "Überflüssigen". Aber sie sind da. Keine Gesellschaft kann sich diese Gleichgültigkeit leisten. Und sie kosten. Keine Gesellschaft kann sich diese Verschwendung leisten. Alle Experten sprechen von: Bildung, Bildung, Bildung, schon im frühkindlichen Alter. Wann endlich ist davon etwas zu spüren?

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