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"Eine Sintflut zu machen entbrannte das Herz den Göttern"
Elementare, mystische Kraft, Gottesstrafe. Die Gewalt des Wassers war schon immer mehr als nur ein Naturereignis. Eine Kulturgeschichte der Flut
von Berthold Seewald vom 27.12.2004 aus „WELT“
Pressemitteilung vom 31.12.2004


Da sprach Gott zu Noah: Das Ende allen Fleisches ist bei mir beschlossen, denn die Erde ist voller Frevel von ihnen; und siehe, ich will sie verderben mit der Erde. Mache dir einen Kasten von Tannenholz ... Denn siehe, ich will eine Sintflut kommen lassen auf Erden, zu verderben alles Fleisch ... Alles, was auf Erden ist, soll untergehen." 1 Moses 6
Alles soll untergehen. - Welche metaphysische Wucht diesem göttlichen Urteil innewohnt, machte unlängst der Titel des Filmes über die letzten Tage Hitlers im Führerbunker deutlich. "Der Untergang" ist nicht einfach Scheitern, Katastrophe oder Tod. In ihm schwingt die Ahnung von einem Beschluß Gottes mit, "alles zu verderben".
Wenn jetzt die Flutberge über die Küsten Südasiens hereinbrechen, ist wieder vom Untergang die Rede. Denn diese Form des Verderbens ist vor allem an Wasser gebunden. Mit Wasser wurde der Frevel getilgt. Das Wissen darum hat sich eingegraben in die Erinnerung der Völker. Denn die Flut ist eine Strafe. Die schrecklichste, die Gott verhängt hat.
Daß das Element, das der Reinigung dient, ein Mittel des göttlichen Zorns sein kann, belegen die Mythen aus den Anfängen der Welt. Die biblische Geschichte von Noah, die um 700 v. Chr. aufgeschrieben wurde, gehört eher zu den späten Zeugnissen. Kaum war in Sumer im südlichen Zweistromland um 3000 die Schrift in Gebrauch gekommen, berichten Keilschrifttafeln von "alles vernichtenden Winden und Stürmen. Der Flutsturm überschwemmte die großen Städte." Und mehr als 1000 Jahre später wußte das Gilgamesch-Epos: "Eine Sintflut zu machen, entbrannte das Herz den großen Göttern."
Daß solche Bekundungen nicht nur moralisch-religiöse Ermahnungen gewesen sind, hat die Forschung beizeiten erkannt. Überall im fruchtbaren Halbmond zwischen Tigris, Halys und Nil finden sich Spuren von antiken Flutkatastrophen. Das neueste Erklärungsmodell der US-amerikanischen Geologen William Ryan und Walter Pitman bringt die Entstehung des Schwarzen Meeres ins Spiel. Danach soll um 6700 v. Chr. die Landbrücke zwischen dem Mittelmeer und einem nördlich davon liegenden Schmelzwassersee eingebrochen sein. Die Flut, die das Schwarze Meer vor sich herschob, könnte sich in den frühesten Schriftzeugnissen der sogenannten Donauzivilisation erhalten haben, so der Sprachforscher Harald Haarmann.
Soweit die Wirklichkeit. Doch der Topos von der alles verschlingenden göttlichen Flut hat sich bald verselbständigt und wurde ein Thema der Literatur und Philosophie. Der griechische Philosoph Platon (427-347) erzählt von einem blühenden Staat auf einer Insel, Atlantis, die für die Hybris ihrer Bewohner in die Tiefe gerissen wurde. Allein die Suche nach Atlantis füllt ganze Bibliotheken. Muß man die Insel mit der Explosion der Kykladeninsel Santorin in Verbindung bringen - die damals übrigens eine Flut auslöste, die die benachbarten Kulturen schwer verwüstete?
Oder war Atlantis gar Troja? Die Unterscheidung zwischen Mythos und Ratio fällt angesichts der göttlichen Flut selbst heute nicht leicht.

Auch an den Küsten von Nord- und Ostsee hat das regelmäßige Erleben mörderischer Sturmfluten die sachliche Deutung solcher "Mannstränken" nicht befördert. Die versunkene Stadt Vineta der Ostsee ist ähnlich sagenumwoben wie Atlantis. Auch in Storms "Schimmelreiter" wurde das Wüten der Wasser zur Parabel auf Schuld und Sühne. Und als 1962 eine Sturmflut Hamburg überspülte, verschaffte sein Krisenmanagement dem damaligen Innensenator Helmut Schmidt eine Aura, die ihn bis ins Bonner Kanzleramt trug. Denn die Flut vernichtet nicht jedermann, sie trennt in Gut und Böse. Der überlebende Noah wird zum Stammvater der geläuterten Menschen. Die sumerische Königsliste läßt das Königtum nach der Flut erneut vom Himmel herabkommen. Sie ist eben eine zutiefst moralische Angelegenheit.
Als solche gehört die große Flut zu den populärsten Mythen der Menschheit. Tolkiens "Herr der Ringe", der erfolgreichste Fantasy-Stoff der Gegenwart, ist in eine Rahmenhandlung eingebunden, in deren Mittelpunkt Aufstieg und Fall der Insel Númenor steht. Als deren König die Götter herausfordert, verschlingt der Ozean die Insel. Die - moralisch rein gebliebenen - Überlebenden gelangen nach Mittelerde, wo ihnen die Prüfungen der Ringkriege auferlegt sind.
Vor allem aber hat die Öko-Bewegung das Bild der großen Flut vereinnahmt, wie zwei andere popkulturelle Bestseller des Jahres beweisen. In Roland Emmerichs Film "The Day After Tomorrow" bringt der Mensch als Klimaschänder den Golfstrom zum Erliegen, und New York wird ein Opfer der Flut. In Frank Schätzings Roman "Der Schwarm" verbünden sich die Mikroorganismen des Meeres zum Rachefeldzug gegen ihre menschlichen Peiniger. Filme zum "Schwarm" und zur Hamburger Sturmflut sind in Vorbereitung. Sie werden einmal mehr unsere Urfurcht vor der Tiefe des Wassers befördern.
Doch die große Flut wirkt ambivalent. Sie kann neue Zivilisationen formen: Noah baute ein großes Schiff, die Sumerer bekamen neue, bessere Könige, und die Explosion der Vulkaninsel Krakatau bei Java 1883, der 35 000 Menschen zum Opfer fielen, machte schlagartig die Nützlichkeit einer Erfindung klar: der Telegrafie, des "Victorian Internet" (Simon Winchester), die über die Katastrophe bis in den letzten Winkel der Erde berichtete.
Das geschieht heute auch. Und wir erkennen eine schreckliche Bestätigung von der Theorie der Plattentektonik. Für die Betroffenen aber ist sie eine Strafe Gottes.

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